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→ T E X T ∼ english !


 

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Für die Arbeit von Barbara Anna Husar ist der Horizont als Beziehungslinie von zentraler Bedeutung. Die Künstlerin ist u.a. Ziegenhirtin in der Wüste Sinai und hat viele Jahre von den Beduinen im besonderen von den Trägerinnen der jahrtausendealten prä-islamischen Nomadenkultur gelernt. Unendlichkeit und Vernetzung, die Suche nach Verbindungslinien prägen ihre Kernthemen. Aus den Nabelschnüren ihrer Ziegenherde hat sie ihr vorläufiges Hauptwerk verbunden, eine Hängematte. Auf einem Turm in Wien ist aktuell ein Blitz aus Nabelschnüren im Werden.

Barbara Anna Husars Werkkörper ist schwer einzugrenzen. 4535 Millionen Jahre Erdgeschichte; Meteoriten, Trilobiten, Libellen, Dinosaurier, Kühe ... Herden im allgemeinen in Trickfilm, Installation, Performance, Ölgemälde und Poesie. Sie forscht intermedial zwischen Ur- und Neuformen des Lebens. Barbara Anna Husars internationale Aktivität im Informationsaustausch zwischen Kulturen, Wissensgebieten und künstlerischen Medien beschreibt sie mit: `Ich bin Teil, Zwischenteil und Teilchenbeschleuniger.´

Barbara Anna Husar ist bildende Künstlerin, Performerin, Regisseurin und Autorin. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam, erhielt das österreichische Staatsstipendium und ist Hubert Berchtold Preisträgerin.
In Berlin, Peking, Shanghai und Bilbao war sie u.a. Artist in Residence. Soloausstellungen im Naturhistorischen Museum in Wien, Schloss Amberg Feldkirch ( A ), Flughafen Altenrhein ( CH ), Kunstraum Engländerbau ( FL ), Kunstverein Ulm ( D ), stageBACK Shanghai (CHN), GoDownArtCenter Nairobi ( KE ).

       

       

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Barbara Anna Husar : `Am Rumpf des Weltalls brüten´  

Monika Machnicki, 2014

`Ich bin Teil, Zwischenteil, und Teilchenbeschleuniger´ - so beschreibt Barbara Anna Husar ihre Aktivität im Informationsaustausch zwischen den Kulturen, Wissensgebieten und künstlerischen Medien. Der Informationsfluss und die Schnittstellen dienen der Weltengängerin zur Entwicklung ihres multimedialen Gewebes. Informationstechnologie und Nomadentum werden über das zentrale Sinnbild Nabelschnur reflektiert. Zeichnung, Fotografie, Trickfilm, Installation und Performance entwickeln sich dynamisch intuitiv. Das eine wird Stoff des anderen.

Mit einfachsten Dingen ( Frittiersiebe werden zu Meteoritenfallen ) gelingen Barbara Anna Husar Metaphern ursprünglichster Formgebung, welche zugleich die kosmische Verbundenheit der menschlichen Präsenz spiegeln. Archaik und Zeitgeist, Stoff und Zwischenraum, Alltägliches wie Absurdes werden in Barbara Anna Husars Werk zu einem individuellen Kosmos vereint.

Poetische Stempeltexte schildern den Zustand: `Stammzellen sitzen am Feuer und trinken Tee´, `Am Venushügel der Weltraumwiege´ oder `Ich wiege mich zwischen meinen Synapsen in einer Hängematte aus Nabelschnüren´. Diese `Hängematte aus Nabelschnüren´ ist zentralutopisches Symbol wie reales Projekt. Husar sammelt die Nabelschnüre ihrer neugeborenen Wüstenziegen und verknüpft diese in naher Zukunft zu einer Hängematte.

Dabei bezieht sich die Künstlerin auf `die Freiheit der Perspektive und des Horizonts ´, oder anders ausgedrückt `ich habe mich dem freien Erforschen der Wirkkräfte zugewandt´. Sie muss nicht auf Kausales, Funktionszusammenhänge oder wissenschaftliche Logik Rücksicht nehmen. Ihre Logik ist werkimmanent und konsequent.

       

       

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Barbara Anna Husar : Interfritteuseale Objekte sind Schnittstellen zum Anschnallen, Kommunikationsgefäße im Weltengetriebe´  

Margareta Sandhofer, 2013

Quelle für Inspiration und vielschichtigen künstlerischen Kosmos von Barbara Anna Husar ist ihre langjährige Integration in die nomadische Lebensweise der Beduinen der Wüste Sinai. Nabelschnüre ihrer eigenen Ziegenherde, Schnallen von aufgefundenen Sandalen, Meteoriten als kosmische Informanten, Fritteusen als deren Fallen, Wirbelsäulen und Skelette sind Sinnbilder für Datenfluss und Informationstransfer. Das einzelne Werk ist Synapse in einem sich stetig generierenden Netz zwischen Zeiten, Kulturen und Möglichkeitsfeldern. Zeichnung, Print oder klassisches Gemälde, Installation, Performance und Film bieten kommunikative Schnittstellen in Barbara Anna Husars Weltengetriebe.

       

       



S T E M P E L L Y R I K >>>>>

analoge Festplattenpoesie



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EGG EDITION / Artstamp.dk 

G. H. H. 2014



BARBARA ANNA HUSAR spielt mit der Evolution. Es ist kein Widerspruch, dass dies zugleich ein Spiel mit der Schöpfung ist, mit dem schöpferischen Akt, der in der Theorie der Evolution nicht vorkommt. Sie verbindet Natur (Evolution) und Schöpfung (Kunst) in ihrer Suche nach ursprünglichen Potenzialen.

Dabei bedient BARBARA ANNA HUSAR sich des Trickfilms, der Malerei, der Photographie, der Performance, der Zeichnung, der Installation ... ihre fliegenden Eier sind in dieses Netz mit einer Vielzahl anderer Motive eingeknüpft, in ihre interfritteusealen Arrangements zum Beispiel.

Immer geht es BARBARA ANNA HUSAR darum, den Fluss zu hüten, Energie zu übertragen, mit einem nie ganz ausgeschalteten Lächeln und gelegentlich mit einem großzügigen Hauch erotischer Zuspitzung. Eier sind da ganz wichtig, klar. Weiblichere Gebilde gibt es nicht.

BARBARA ANNA HUSAR verknüpft all dies in ihrem zentralen Projekt, der Hängematte aus Nabelschnüren von Sinai-Ziegen, an dem sie seit 2007 schafft. Die fliegenden Eier kommen seit 2012 dazu, sie sind noch ganz frisch, aber schon fundamental für ihr evolutiv-schöpferisches Spiel, als Zeichnung eben.

Für BARBARA ANNA HUSAR ist die Zeichnung Ausgangs-, End- und Durchgangspunkt jeder Phase, da ist sie medial verwurzelt. Aber die Zeichnung verzweigt sich bei ihr in multimedial unvorhersehbarer Weise. Sie gibt dem Gewebe einen Plan, der ruhig in der Hand liegt, grad wie ein Ei. Ein Fliegendes.




→ eiei intermedial





       

       

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Am Rumpf des Weltalls brüten / Breeding on the Hull of the Universe 

G. H. H. 2014

Kunstverein Ulm



Durch alle Wesen reicht der eine Raum:

Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still

durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,

ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Rainer Maria Rilke (1914)

Kosmische Körper, Planeten und Sterne als Elemente eines Rilkeschen Weltinnenraums versteht jeder. Nur der astronomische Außenraum ist verdächtig, denn er besteht aus Entfernungen, die sich jeder Erfahrung entziehen. Barbara Anna Husar lotet mit ihren Mitteln, den mageren Hilfsmitteln des menschlichen Wahrnehmungsapparats unglaubliche Annahmen aus. Das ist mit der Aussage am Rumpf des Weltalls brüten gemeint. Die sprichwörtliche Kälte des Weltraums versucht sie soweit zu erwärmen, dass sich Spiegeleier darin braten lassen.

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→ Textrückgrat des multimedialen Fries im Kunstverein Ulm


→ Am Rumpf des Weltalls brüten / Performance im Kunstverein Ulm



       

       

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Am Rumpf des Weltalls brüten / Breeding on the Hull of the Universe 

Ralf Christofori, 2014

Eröffnungsrede im Kunstverein Ulm



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→ Textrückgrat des multimedialen Fries im Kunstverein Ulm


→ Am Rumpf des Weltalls brüten / Performance im Kunstverein Ulm



       

       

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→ ..................................... RASTERFAHRKARTEN IN DIE ANDERSWELT > Koordinatentickets G.H.H. / 2013

       


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Kosmische Sexualität 

G.H.H., 2013

Fühlhornluster ? Meteoritenfalle ?

anlässlich der Ausstellung `Interfritteuseale Objekte´ in der Galerie Konzett, Wien 2013



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→ Interfritteuseale Arrangements / Brigittenauer Dachlandschaften


→ Interfritteuseale Objekte, Galerie Konzett / Ausstellungsansichten



       

       

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HAPPY HOT DOCK

Margareta Sandhofer, 2012

Im Frühling 2012 hat Barbara Anna Husar ihr neues Atelier in der Wiener Raffaelgasse entdeckt; und damit eine neue Facette in ihrem vielseitigen Schaffen entworfen. Im Grunde ist es eine ganz klare Konsequenz. Was sie bisher in ihren Werken manifestiert hat, transferiert sie nun in einen gegenwärtigen Prozess mit der Aufforderung zur aktiven Partizipation. In azyklischen Abständen öffnet sie ihr Universum für Zusammenkünfte bei Speise und Wein, Musik und gelegentlich Performances. Die ehemalige Zuckerlfabrik ist Barbaras `Hot Dock´ für `Data exchange´, einem Austausch von Informationen und Erfahrungen, an dem spontan Menschen aus unterschiedlichsten Sparten teilhaben. Sie selbst fungiert als `Teil, Zwischenteil und Teilchenbeschleuniger.´ Schnittstelle ist der Hof zwischen Atelier und den beiden Schauräumen, in welchen sie ihre multimedialen Arbeiten in aktuellen Settings ausbreitet.

Transgressiv sind die künstlerischen Mittel und Medien eingesetzt. Zeitliche und räumliche Dimensionen greifen im einzelnen wie im gesamten Werk ineinander. Bemalte Rettungsdecken dienen als goldene Bildträger für lustvolle Frösche. Fritteusen sind zu Installationen montiert um als `Meteoritenfallen´ diese Datenträger aus dem Weltall einzufangen. Ohne Unterlass dreht sich das `Knochenrad´. Farbenfrohe Wüstenhunde auf Planen behüten die Sphäre.

Viele Motive weisen auf Barbaras enge Verbundenheit zur nomadischen Lebensweise. Seit 17 Jahren behüten BeduinenfreundInnen vom Stamm der Tarrabeen Barbaras Ziegenherde am Sinai, die sie selbst alljährlich für mehrere Wochen aufsucht um die Nabelschnüre der neugeborenen Tiere zu sammeln. Nabelschnur und Wirbelsäule sind exemplarische Kanäle der essentiellen Informationen. Gleichnishaft und doch konkret werden verschiedene Motive miteinander verzahnt. Den resultierenden Arbeiten kommt letztendlich die Bedeutung von Synapsen zu, wie explizit versinnbildlicht im `Schnallenball´. Es sind Schaltstellen, aus welchen Barbara ihr Netzwerk webt, und zugleich Einklinkstellen in ihren vieldeutigen Kosmos. Die verdichtete Verschränkung von Metaphern und Anspielungen erscheint zunächst rätselhaft, zunehmend stellen sich erkennende Assoziationen ein und wächst die Faszination an Barbaras auratischem Gedankenkreis.

Experimentierfreudig und impulsiv reißt die Künstlerin unablässig neuartige imaginative Räume auf und setzt ihren Datenfluss mit einer phänomenalen Dynamik in Gang. 2004 definiert sie ihr Selbstverständnis in einem Video, 2012 expandiert sie diese Idee und realisiert sie als Teil ihrer Arbeit in der alten Zuckerlfabrik - als `Happy Synapse for ever´.  

       


 

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Barbara Husar

Johanna Hofleitner, 2008

Viehwirtschaft & Datenaustausch, Handarbeit & Netzkultur, modernes Nomadentum mit den Stationen Feldkirch, Amsterdam, Wien, New York und der Halbinsel Sinai – in diesen heterogenen Gefilden hat sich Barbara Husar mit ihrer Kunst angesiedelt. Vor einem Jahr kaufte sie dafür in der Wüste eine eigene Herde, am Horizont steht eine „Astralskulptur“: eine Hängematte, geknüpft aus den Nabelschnüren kleiner Ziegen. „Ich beschäftige mich schon lange mit dem Fließen von Informationen und habe dafür unterschiedlichste Verbindungen recherchiert – von Nerven und Synapsen bis hin zu Schuhschnallen, die ich in der Wüste fand, um Schnittstellen zu dieser Welt zu schaffen.

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HOT DOCK

Neue Information

Carina Jielg , 2011



Es gibt wohl nicht viele Künstler, auf die der Begriff `multimedial´ so zutrifft wie auf Barbara Anna Husar. Die 1975 in Feldkirch geborene und seit fast 15 Jahren in Wien und der Wüste am Sinai lebende Künstlerin entzieht sich jeglicher Etikettierung. Husar switcht - auch ein Wort, das gut zu ihr passt - zwischen den Orten, den einzelnen Disziplinen, bedient sich einerseits der Malerei, wenn sie überdimensionale Kühe oder Dinosaurier auf Saatgutsäcke bannt, oder sie nutzt die Grafik mit den für ihr Werk typischen Stempeln - ihr Archiv um fasst mittlerweile über 900 Stempel mit Abbildungen von Affe bis Ziege und Wörtern von Astral bis Zündschnur - dann wieder fertigt sie Skulpturen, macht Bücher oder Filme - etwa über ihre eigene Ziegenherde in der Wüste, über die Beduinenfrauen, die diese Herde hüten, wenn sie, Husar, nicht da ist und darüber, was passiert, wenn diese Hüterinnen einer jahrtausende alten Nomadenkultur auf eine österreichische Künstlerin treffen. 
Was passiert? Informationen werden ausgetauscht. Dieser Prozess, dieser Moment der Begegnung oder Verknüpfung, diese Schnittstelle, die Art, wie Informationen gesendet und empfangen, übermittelt, transferiert werden - das ist das, was Barbara Anna Husar interessiert.  `Dass es in meiner Kunst um Information geht, ist mir in der Wüste klar geworden, hunderte Kilometer von Zivilisation, wie wir sie kennen, entfernt.´ 

→ HOT DOCK / Publikation

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WELTBILD RELIQUIE Barbara Anna Husar

Art Bodensee, Galerie Konzett

Margareta Sandhofer, 2012


In der Koje der Galerie Philipp Konzett schlägt Barbara Anna Husar ihr Zelt auf und wird zusätzlich von der Galerie Lisi Hämmerle präsentiert. Die junge Vorarlberger Künstlerin hat sich die nomadische Lebensweise ihrer Beduinen-Freunde am Sinai zu Eigen gemacht, zum verinnerlichten geistigen Axiom, das sich als künstlerischer Raum konkretisiert. Weltbild Reliquie ist Barbara Anna Husars temporäre Station. Es ist ein gegenwärtiger download ihrer expansiven `Frequenz´, einem Bewusstseinszustand in stetiger Bewegung:

Die Werke verstehen sich aus ihrer konstitutiven Funktion in diesem. In ihnen manifestiert sich dieses imaginative Netz als aktives Feld zwischen Zeiten, Kulturen und Möglichkeitsformen. Das einzelne Werk ist zur Synapse generierte Reliquie: Alte Signifikate, ihre Geschichte und Wege, die vor allem ein Fließen von Informationen in den Raum einschreiben, werden inklusive ihrer herkömmlichen Bedeutung aus nicht mehr authentischen Strukturen gelöst, mit oft ungewöhnlich erscheinenden Kontexten verbunden und mit neuartigem Sinn aufgeladen. Das Resultat ist ein Datentransfer - Data Exchange - der in Barbara Anna Husars metaphysischen Universum aufgeht.

Nabelschnüre der eigenen Ziegenherde am Sinai, die traditionellen Decken der Beduinen als multifunktionelle Basis des nomadischen Lebens, Meteoriten als kosmische Informanten, Wirbelsäulen und Skelette von Dinosauriern, stellen in diesem Sinn Codes dar. Sie sind von Husar bearbeitet und transferiert, zur Skulptur oder zum assoziativ bereicherten Objekt, zum digitalen Video, Print, zum klassischen Gemälde oder zu sozialen Konglomeraten, die als kommunikative Schnittstellen das `Einklicken´ in Husars Kosmos ermöglichen. In den sogenannten Datenblättern, Stempelbildern, sind die vielfältigen Gesichtspunkte zu konzentrierten Aussagen verdichtet. In diesen greift die Künstlerin auf ihre 1118 Stück umfassende Stempelsammlung zurück, einem Archiv, das sämtliche Komponenten und relevanten Berührungspunkte ihres Weltbilds widerspiegelt. Die Werke erscheinen in der Erstbegegnung oftmals kryptisch, sie offenbaren sich sukzessive in ihren weitreichenden Sinnzusammenhängen. Im Film `Cross Creatures´ sind diese zu einer markanten und zugleich humoristischen Essenz intensiviert, einprägsam und unterhaltend vermittelt er das phantastische Spektrum.

Der Messestand Weltbild Reliquie ist ein installatives Gewebe erfahrungsbedingter, aber wesensgemäß generierter Aspekte, mit welchen Barbara Anna Husar unter der modernen Rettungsdecke ihr spezifisches evolutives Spiel als synaptischen Parcour inszeniert.

 

→ WELTBILD RELIQUIE / Ausstellungsansichten



   

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ALTE MEISTER Dinosaurier und Meteorite

Barbara Anna Husar, Naturhistorisches Museum Wien

Eröffnungsrede von Stefania Pitscheider Soraperra , Direktorin des Frauenmuseums in Hittisau, am 1. 12. 2011



Urschnalle, Meteoritendotter, Idyll Silhouette, Astralachse, Ich hüte meine Mikrobewegung, Subjektiv Chimäre, Schnellschnaller, Zellkommunikation, Astralskulptur, Erosfluidum, Anomalien des Post-Egos, Axolotl Älplerglück, Doppelmonddrama, Datenkaravane, Stammhirnritual, Nabelschnurwiege, Rexa Rexa etc. In diesem Kosmos unbegrenzter Kombinationsmoeglichkeiten bewegt sich Barbara Anna Husar.

Wer sich darauf einlässt, verliert schnell die Bodenhaftung, wer sich dem vereschließt, bleibt irritiert zurück. Es ist eine Welt, die nicht leicht zu fassen ist, sich nur schwer mit Begriffsetiketten katalogisieren und normieren laesst. Begonnen hat alles vor siebzehn Jahren auf der Halbinsel Sinai bei einer Begegnung mit dem Beduinenstamm der Tarrabeen. Seither ist Barbara Husar mindestens einmal pro Jahr dort, und die Wüste ist künstlerischer Bezugspunkt und Denklandschaft geworden. Wer einmal in der Wüste war, dem/der erschliesst sich wirklich eine neue Welt. Die Kargheit und Reduziertheit der Landschaft öffnet den Blick, schärft die Wahrnehmung und beflügelt die Phantasie. Und wer einmal einen nächtlichen Wüstenhimmel gesehen hat, weiß, dass es durchaus Sinn machen kann, Meteoritenfallen aufzustellen.

Meteoriten sind seit jeher Teil des künstlerischen Universums Barbara Husars. Sie sind Körper, die aus fremden Welten auf die Erde gekommen sind, Millionen von Lichtjahren zurückgelegt haben und auf ihrem langen Weg durch Raum und Zeit an Galaxien vorbeigekommen sind, die für Menschen vielleicht nur rechnerisch erreichbar sind. Sie wurden und werden von vielen Völkern der Geschichte als göttliche Botinnen angesehen und besitzen eine starke Symbolkraft (denken wir nur an den Hadschar in Mekka, den der Prophet Abraham vom Erzengel Gabriel empfangen haben soll oder daran, dass Aborigines in Australien den Uluru für einen heiligen, vom Himmel gefallenen Berg halten).

Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg haben sich letztes Jahr im Frankfurter Portikus in Kooperation mit der documenta 13 mit dem Meteoriten El Taco als kosmisches, vor 4000 Jahren auf die Erde gekommenes Readymade beschäftigt. In ihrer dokumentarischen Arbeit haben sie sich seiner Geschichte angenommen und von Begehrlichkeiten der USA in Bezug auf den argentinischen Meteoriten sowie von peinlichen Korrespondenzen, Zerwürfnissen und Pannen berichtet. Barbara Husar geht es aber anders als Faivovich und Goldberg nicht darum, ein Wissenschaftskapitel zu vermitteln, Wissen zu Sammeln oder Bewusstsein zu stärken. Vielmehr werden sie in ihrem Werk zu einem Symbol einer in Veränderung begriffenen Welt, in der alles fließt und alles mit allem verwoben ist.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Barbara Husars Reise über die Wüste und die Meteoritenfallen zu den Dinosauriern führt, die nach Meinung vieler Experten nach der Kollision eines vagabundierenden Himmelskörper ausgestorben sind. (Da gibt es sicherlich auch andere Theorien. Wie der amerikanische Paläontologe Rober Bakker spottet, bedürfen aber Rätsel von heroischer Größe einer Lösung von heroischem Ausmaß.) Wie auch immer, Dinosaurier sind ausgestorbene Urzeittiere aus einer archaischen Welt, die seit ihrem ersten großen Auftritt im viktorianischen England zu Superstars geworden sind, die jenseits aller objektiven paläontologischen Überlegungen als Projektionsflaeche dienen, als kulturelles Symbol, als Mahnmahl für Vergänglichkeit, als vielseitige Metaphern - vom Kalten Krieg bis zur sogenannten `New Economy´.

Barbara Husar bevölkert ihre Leinwände aus zusammengenaehten Saatgutsäcken (die übrigens ihrerseits Weltreisen hinter sich haben) mit riesigen Dinosauriern. Aber auch hier entzieht sich Barbara Husar einer eindeutigen Zuordnung. Sie bildet die Tiere nicht nur ab, sie deutet sie um und erschafft sie neu - denken wir etwa an den Punschosaurus Bilbao - auch Guggosaurus genannt - oder an den Tyrannosaurus Rexy Rexa, dem sie einen Euter verpasst, um ihn kurzerhand zum sanfteren Säugetier umzufunktionieren.
Alte Meister nennt sie die Dinos, Alte Meister die Ausstellung im Naturhistorischen Museum. Die Anspielung auf die im spiegelsymmetrisch angeortneten KHM auf der anderen Seite des Kaiserforums ist offensichtlich. Raffael, Arcimboldo, Giorgione, Rubens, Grünewald werden in den Datenblättern, die hier als Fries zu sehen sind, zitiert und frei assoziiert. Der Ausgangspunkt, die Basis der künstlerischen Arbeiten Husars ist die Zeichnung. Sie ist schnell und unmittelbar. Erst über dieses Medium, findet sie zur Malerei. Die Zeichnungen werden bearbeitet und in Beziehung gebracht zu einem mittlerweile enormen Repertoire aus 1200 Stempeln mit Wortkreationen und Motiven. Damit stellt Husar neue, weitläufige und vielschichtige Beziehungsketten her, sie formt daraus einen sehr persönlichen Kosmos, schafft dadurch ihre eigene Sprach- und Bedeutungsmaschine, eine Reproduktionsmechanik, mit der sie Schicht um Schicht aufbauen kann. Die sogenannten Datenblätter - es sind hier 122 - sind Teil des Prozesses, sind ein endlos erweiterbares Skizzenbuch, in dem jede Idee, sei sie noch so flüchtig, Niederschlag finden kann.

Mit der gleichen Unbekümmertheit spielt Barbara Husar mit einer Präsentationssprache, die Museen eigen ist. Sie präsentiert auf der x-Achse ihres Ausstellungskoordinatensystems zwei Vitrinen, in denen Meteoritenfallen wie spätmittelalterliche Buckelpokale aussehen - unendliche Bahnen zieht ein Himmelskörper in der Kupferröhre Lemniskate Meteora - sie macht aus dem Meteoritendotter, der Astralhirtin-Skulptur oder dem Wasser mit den zermahlenen Dinoeiern museale Exponate, die mit der Aura der Distanz angereichert sind.
Auf der y-Achse hingegen markiert sie die Punkte durch einen Knochenrad (eine Reminiszenz an die Stadt Wien und an den Ort, an der wir uns befinden, oder wohl auch an Marcel Duchamp), dann einen zentral im Raum gelegenen Kreis aus Meteoriten als Betonung der Symbolkraft der außerirdischen Gesteine und eine Videoarbeit, die zur Synthese des hier vorhandenen komplexen Beziehungsgeflechts wird.

Barbara Husar ist eine moderne Nomadin, ein wenn man so will weder in Raum noch in Zeit definierbarer Mensch. Sie wandelt zwischen den Welten. Mit Leichtigkeit wechselt sie von der Installation zur Druckgrafik, von der Performance zur Zeichnung, von der Malerei zum Video. Sie ergreift Medium um Medium um sich schliesslich selbst zum Medium zu erklären. ` I am the Medium ´ ist oft auf ihren Graphiken zu finden. Dieser Satz entspringt nicht esoterischen Transzendentalphantasien, vielmehr wird hier Marshall McLuhans Diktum für unsere mediatisierte Welt `The Medium is the Message´ in den Husar´schen Kosmos überführt, während im Hintergrund das McLuhan´sche mediale Rauschen hörbar bleibt.

Vielleicht ist dieses Rauschen das Ausklingen des Urknalls, wer weiss, jedenfalls ist es messbar und damit vorhanden. Diese Verbindung zu den Anfängen der Welt, zu Vielschichtigkeit und Überlagerung ist durchaus gewollt. Wie sie ihre Zeichnungen gewissermaßen aus der Hüfte macht, so werden auch ihre Wortgebilde unmittelbar auf die Betrachter geworfen. Die Geschichten sind ausgelegt wie die Gesteins- und Sandschichten der Wüstenberge, an denen man sich nicht sattsehen kann, obwohl vordergründig alles sichtbar scheint. Schicht um Schicht eröffnen sich neue Strukturen und Verschiebungen. Die visuellen Welten der Barbara Anna Husar wirken sehr direkt und unmittelbar und bleiben dennoch verwirrend und rätselhaft.

`Kunst kommt von müssen´ hat schon Walter Benjamin konstatiert. Und diese Notwendigkeit, diese Leidenschaft ist in jeder von Barbara Husars Arbeiten spürbar. Sei es bei den Tarrabeen auf dem Sinai, wo sie die Nabelschnüre ihrer eigenen Ziegenherde sammeln lässt, sei es in Bilbao, wo sie Urzeittiere und Museen synthetisiert, sei es im Naturhistorischen Museum, wo sie zahlreiche Ebenen ihrer Arbeit verschmelzen lässt.

Und dann fasziniert sie der Gedanke, dass unsere Atome vielleicht noch auf die Dinosaurier zurückgehen, dass ein Stück der Dinosaurier vielleicht noch in uns vorhanden ist. Alles hängt ja doch mit allem irgendwie zusammen, auch wenn es nicht verständlich scheint. Sogar die Physik hat die Suche nach dem kleinsten aller Teile, dem Atom, aufgegeben, da mittlerweile mit den Quanten noch kleinere Teile entdeckt wurden. Sodass die Quantenphysik heute die Information, das `in Form bringen´ins Zentrum ihrer Forschung rückt und die Teleportation, den Transport von materieller Information zum Ziel hat. Oder um es mit Barbara Anna Husar zu sagen: `Ich bin Teil, Zwischenteil und Teilchenbeschleuniger.´

→ ALTE MEISTER, Dinosaurier und Meteorite / Ausstellungsansichten



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HOT DOCK

Kommandokapseln für Funkensprünge und Wellentanz

Georg Russegger
datadandy.net , 2011


zur Ausstellung im ORF Funkhaus, Dornbirn (A)



Orgonisch anmutende Gebärmaschinen in Relation zu netzwerkartigen Meteoritenfallen und U-nidentifizierbaren F-luktuations O-bjekten, lassen Uneindeutigkeiten im kontrollierten Sendefeld von O-nthologisch R-atifizierten F-requenzzentralen entfachen. Husars Kunstform des weltlichen Abnabelns liegt eine Kontingenz zugrunde, die aus den Tiefen des menschlichen Begehrens biologisch-somatischen Vertrauens entspringt und sich mit den Geistern der virtualisierten Ungegenständlichkeit vereint. Geliebte Körperlichkeit entfremde dich, lass dich Trans-Formen nach all den Regeln der irdischen Unter-, Ausser- und Überkünstlichkeit.

Das als Fritti Niroda vorgestellte, in geistiger Ruhe über verkopften Sphären schwebende Wesen, wird umschwärmt von erquickt-tanzenden Corporälen des Entzückens. Die Verbindlichkeit zur Welt wird hierbei zu unsichtbar-allgegenwärtigen Verbindungen von kolateralen Netzen in normiert-wahrscheinlicher Erreichbarkeit mittels relationaler Zufälligkeit auf die Spitze getrieben. Vorstellungswelten implodieren und schaffen einen neuen Zeitgeist der endosphären Abstraktionsweitläufigkeit . Individualhimmelskörper die wie Schnuppen in der Atmosphäre erglühen, während astrale Winde, betrieben durch imposante Lüfter, programmatische Schneisen in vor Operation glühenden Prozessen ziehen.

Die Basisempfindung in menschlicher Sozietät bleibt gemeinsamer Hintergrund und geteilte Intensionalität. Mit Hot Dock ist eine Station geschaffen die auf abstrakte aber diskrete Weise dies freischalten versucht. Wir müssen uns Fragen wie wir die Grundlagen bestehender Abstraktionsepochen in eine Wirklichkeit übersetzen die auf techno-kultureller und bio-medialer Ebene mit Kontrollverlust zu kämpfen hat. Im Verlauf der informationell-driftenden Genese ist der Mensch wie auch seine Umwelt nicht mehr das Gleiche geblieben. Die Motivation von Individuen, sich in zeitgemäss-abstrahierten und mediamorphen Séance zusammenzufinden ist nach wie vor ungebrochen.

→ HOT DOCK / Ausstellungsansichten
→ HOT DOCK / Publikation
→ FRITTI NIRODA, die Meteoritenfalle

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CORD OF REXA

stageBACK,310, 3F, 696 Weihai Lu (Shaanxi Nan Lu) Shanghai, China

Susanne Längle, 2010



"Xianglong zhaoi" - fliegender Drache nannten Forscher eine 2007 in China entdeckte Echse aus der Kreidezeit. Vor 125 Millionen Jahren glitt das kleine geflügelte Reptil auf der Jagd nach Insekten im Sinkflug von den Bäumen. Ungewöhnliche Wesen aus der Urzeit finden sich auch im Werk der europäischen Künstlerin Barbara Anna Husar (1975, Austria): Riesige Echsen entstehen in ihrem Atelier. Mystisch, archaisch und gleichzeitig poppig-bunt sind ihre Urviecher kraftvolle Botschafter zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart. Als Leinwand für die überdimensionalen Acrylgemälde dienen ihr Saatgut- und Reissäcke - auch dies eine Metapher für Wachstum, Evolution und Transformation der Kulturen.

Einige ihrer Kreaturen sind Zwitterwesen zwischen Dinosaurier und Architektur. "Guggosauros Bilbao Titan"- ist hierfür ein Beispiel, eine Mischung aus einem Reptil und dem Guggenheim Museum in Bilbao. Ob Knochen oder Stein, für Husar sind beide von Interesse als Rückgrat und Speichermedien unterschiedlichster Lebensformen, als Datenträger genetischer - biologischer wie kultureller - Codes, die sich ständig weiterentwickeln und sich im Kern doch gleichen. Gerade die explodierende Metropole Shanghai, deren Wandel durch die Expo 2010 nochmals an Rasanz gewann, bietet mit ihrer Gleichzeitigkeit von Hypermoderne und traditionellem Leben zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Als magisches Fabelwesen ist der chinesische Drache in der Lage andere Formen anzunehmen. Warum nicht einmal die eines Museums? Husar wählt für ihre "Archi saurus" -Transformationen im Rahmen des Artist in Residenz-Aufenthalts bei stageBACK als erstes Motiv das Shanghai Art Museum, ein historisches Gebäude ganz in der Nähe des Platzes des Volkes, in dem heute Chinas führendes Museum moderner Kunst untergebracht ist. Neues muss nicht gleichzeitig die Beseitigung von Altem bedeuten; Altes kann mit neuen, aktuellen Inhalten gefüllt werden, ohne den Bezug zum Ursprung zu verlieren. Aus Altem erwächst Neues: Barbara Anna Husar versteht ihr künstlerisches Tun als Nabelschnur, als energetischen Transfer zwischen Zeiten und Kulturen - an der Skyline Shanghais fliegen Echsen und Drachen.

→ Werkschau / Shanghai

→ stageBACK - blog - tag HUSAR

Parallel zeigt stageBACK als Weltpremiere den neuen Film von Barbara Anna Husar CORE OF FLOCK.

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Die Entzückungsspitze der Infogenese

EINE DATENORGIE

Georg Russegger
datadandy.net , 2010


zur Ausstellung auf Schloss Amberg in Feldkirch

Orgien in Kombination mit Schlössern lassen gerne mystische Assoziationen mit obszönem Beigeschmack alla Séancen im Dunstkreis der französischen Revolution entfachen. Das menschliche Begehren nach emotionaler Erdung und psychosomatischer Esoterik ist angelegt. Ob mittels Nabelschnursubstitut in Verbindung mit Bäumen zum erfühlen der Weltenseele (vgl.: P. Sloterdijk, Der Zauberbaum), oder als unbeobachtbar verbundener Perturbationskreislauf, gerichtet auf die evolutionäre Wechselwirkungen zwischen verallgemeinerter Umwelt und bio-kognitiven Körpern (vgl.: Der Baum der Erkenntnis, U. Maturana und F. Varela). Wichtig ist festzustellen, daß diese Perspektiven von dem Erklärungs- und Erfindergeist der Menschheit gefasst sind und somit den einzigen Bezugspunkt im diesem Gedankenexperimenten darstellen.

Angekommen in der Jetztzeit sind es Daten versus Informationen die verbunden durch Netzwerkmedien unsere Körperschaften durch telemediale Erweiterungen expandieren bzw. implodieren lassen und uns dadurch zu neuem Erfindergeist verpflichten. Manfred Faßler, dessen Beschreibungen zum »infogenen Menschen« (Faßler, 2009) dazu veranlassen auch das Stabilisierungsmodell »Gesellschaft« (vgl.: Nach der Gesellschaft, Faßler 2010) in Frage zu stellen, liefert die infogenetische Grundlagentheorie um bestehende Abstraktionsgrade einer komplexen Wirklichkeit auf anthropologischer und soziodynamisch-medialer Ebene in den Griff zu bekommen. Im Verlauf einer informationell-driftenden Genese ist der Mensch wie auch seine Umwelt nicht der gleiche geblieben. Die Motivation des Individuums, sich in zeitgemäss abstrahierten und soziomorphen Séancen zusammenzufinden, um in der Pulsation einer sozialen Skulptur zu fluktuieren und sich anhand dieser Reibung zu Explorieren, spricht dafür dass der Mensch noch weit davon entfernt ist, sich in einer Appendix, dem orgonischen Ei der transzendentalen Obdachlosigkeit, zu verkriechen.

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DATA EXCHANGE

intermediale Mixed Reality Performance

Luc Gross
verlag trauma , 2010


Die Nabelschnur ist das zentrale Sinnbild und Medium im Prozess Data Exchange.

Von Beduinenfrauen erworben im Tausch gegen Zeltplanen, Goldringe und aber auch Geld wird sie zum Handelsgut und steht für Datenfluss - ist Symbol, Werkzeug und schliesslich Material zur Produktion von Kunst.

Der Datenstrang in seiner ursprünglichsten Form wird zum Pendant unseres digitalen Datenrausches. Stammzellen von Wüstenziegen werden von Barbara Husar transmedial auf Binärweiden getrieben. Begriffe wie Secondlife, Farmville, Herdenphänomen, Organismus, Netzstruktur oder Dynamik befruchten sich und klaffen ineinander aus grundlegenden Spähren zweier Welten heraus, welche gegensätzlicher nicht sein könnten - und in welche Husar beiderseits über das Tool der Nabelschnur vordringt. 

Einerseits die archaische, von minimalistischer Improvisation geprägte Überlebenskultur der Wüstenbewohner und andererseits die von Informationsüberfluss geprägte HighTechSociety des Westes. Die Kultur der Beduinen wird in das System Kunst geschleust, und das System Kunst wiederum in die Beduinenkultur. 

Grosse Skepsis schenkten ihr die Hirtinnen auf der Halbinsel Siani als Husar 2007 erstmals um Nabelschnüre anfragte. Die Beduinen vermuten den Sitz der Seele in der geheimnisvollen Schnur (habl surri; das ist die arab. Bedeutung für die Nabelschnur). Es wurde der Künstlerin nahegelegt, eine eigene Herde zu erwerben und die weiteren Anliegen direkt mit Allah zu kommunizieren. Die Fördergelder für neue Medien von NetzNetz und der Stadt Wien wurden sodann in eine Herde investiert und diese gut behütet. Zwischenzeitlich fand so manche Wüstenbewohnerin doch auch ihren Gefallen am Netzwerken und ermöglichte es Husar, 2010 schon 79 Nabelschnüre nach Österreich zu bringen, wo sie ihr als Hirtin ihrer Festplattenherde, welche den Datenaustausch mit den Hüterinnen der jahrtausendealten Nomadentradition speichert, als Transportmedium dienen.

Im Produktionsprozess DataExchange lässt Husar Begriffe aus dem digitalen Raum wie Schnittstelle, Informationsdesign, Hard- oder Software naiv metaphorisch werden, verwebt sie zu transmedialen Organismen und kulminiert im virtuellen Raum des Internetz alle prozessorientiert entstandenen Medienebenen von experimentellem Dokumentarfilm, Performance, Animation, Installation, Malerei, Photographie, Zeichnung etc. Schuhschnallen werden zu Schnittstellen, Fritteusen zu Informationsverdrahtungen, Wüstenziegen zu Datenpakten und Nabelschnüre zu Glasfasterleitungen. Hierbei werden nicht nur permanent Rückschlüsse in aktuelle Kommunikationsmechanismen hergestellt, sondern das Nervensystem in seiner Zellkommunikation und das Potenzial der Stammzellen thematisiert.

Was entsteht ist eine intermediale Mixed Reality Performance, welche die Wechselbeziehung zwischen dem realen und dem virtuellen in einer Privatsprache, die zugleich auch Kunstsprache und eben Programmiersprache ist, erklärt. Das Alphabet dieser Programmiersprache wird in Form klassischer, sich ständig erweiternder (derzeit 642) Druckstempel fixiert und dient zur Produkton sich permutierender, analoger Screenshots eines eigens geschaffenen Universums, dem Prozess Data Exchange, welcher - ongoing - und nur ein erklärtes Ziel besitzt: eine Hängematte aus Nabelschnüren.

Data Exchange ist als transkulturelle Gesamtskulptur wahrzunehmen. Über das auratische Kunstwerk hinaus integriert dieser Prozess eine Fülle systemfremder Elemente und kann durchaus als eigendynamischer Organismus verstanden werden.

In reduziertester Form manifestiert sich der Organismus Data Exchange in der Ziegenpille, welche unter anderem aus Nabelschnurpulver besteht und eine Annäherung an die Neuronatur einer Wüstenziege ermöglicht, die fern ab der grossen Datenschlachten weidet. Die Pille kann mögliche digitale Reizüberflutungen ausbalancieren und ist essenziell kommunikativer Bestandteil jeder Ausstellung Husars.

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I AM THE MEDIUM

Barbara Anna Husar / Galerie Konzett / 29.01.2010 - 20.02.2010

"nach riesengebärmüttern mit erhobenen eierstöcken _ generierung diverser nabelschnurpulver _ dockend an nomadisierende urkulturformen _ olfaktorischen herdenphänomenologien _ analplugs in staumauern, die kunststrom generieren _ bin ich nun in bilbao den ältesten knochen auf der spur _ schnall mich in eine andere sphäre des interfritteusialen netzes"


Susanne Längle, 2010


Die Herde zieht weiter - nach DATA EXCHANGE und MY SECOND HERD präsentiert die Galerie Konzett nun die neuste Werkgruppe der Hubert Berchtold Kunstpreisträgerin 2009 Barbara Husar: BONE ME UP. Dinosaurier, Urzeitviecher und Riesengerippe, formale Botschaften aus einer Zeit vor der Zeit, sind hierbei Gegenstand künstlerischen Forschens.

Ausgewählt vom Kunsthaus Bregenz für das Artist in Residence-Programm, das im Austausch mit der Fundacion Bilbao Arte jährlich stattfindet, verbrachte Husar (1975, Feldkirch) im Herbst 2009 zwei Monate in Bilbao. Dass sie hier auf die "ältesten Knochen" stieß, kam nicht von ungefähr: Der Anblick des Guggenheim Museums, das wie ein Titan und pulsierender Organismus das Stadtgefüge dominiert, war der Künstlerin Inspiration für Gemälde riesigen Ausmaßes: Bis zu 20 qm groß waren die Leinwände aus PP-Gewebesäcken für ihre "integrale Malerei", mit der sie die Qualität des Ortes, seiner Menschen, aber auch die Wesenheit der Dinge ergründen möchte.

So ist der Punschosaurus mehr als die bizzare Fusion einer österreichischen Süßspeise mit amerikanischer Architektur auf baskischem Boden. Er steht sinnbildlich für atomare Strukturen, uralte Codes, die allem Sein zugrunde liegen und in den unterschiedlichen Kulturformen ihre je eigene Ausprägung finden. Nach neuronalen Vernetzungen und Nabelschnüren als Mittel umspannenden Austausch sind Husars Dinosaurier Tempelwächter, die der Künstlerin dabei sekundieren Verbindungen aufzunehmen, aufrecht zu erhalten und zu neuen Synergien zu führen: "Ich bin Teil, Zwischenteil und Teilchenbeschleuniger" sagt Husar und lässt Atome tanzen.

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ORIGINALGRAPHIK, Mischtechnik mit Stempel

Hintergrundrauschen

Thomas Soraperra
Kunstmuseum Vaduz, 2009


Astralhirtin, Quantenregie, Nabelschnurwiege, Rexa Rexa, Stammhirnritual, Peptidhirte, Mentalherde, Datenkarawane....

Der künstlerische Kosmos von Barbara Anna Husar ist weitläufig und vielfältig. Wer sich darauf einlässt, verliert schnell die Bodenhaftung, wer sich ihm verschliesst, bleibt irritiert zurück. Die Welt der Barbara Anna Husar ist nicht leicht zu fassen, lässt sich nicht einfach mit diversen begrifflichen Etiketten katalogisieren und damit normieren. Die, die ihr Werk schon kennen, sind vertraut mit den Nabelschnüren, den Schaf- und Ziegenherden (sie besitzt übrigens selbst eine kleine Herde am Sinai) und den Fritteusenmeteoritenfallen, die ihre Zeichnungen, Grafiken, Bilder und Videos bevölkern. Begonnen hat vieles vor über zehn Jahren mit einer Reise auf den Sinai zum Nomadenstamm der Tarrabeen. Seither ist Barbara Husar mindestens einmal pro Jahr dort, und die Wüste ist teil ihrer künstlerischen Heimat geworden. Wer einmal in der Wüste war - ich hatte dieses Jahr die Möglichkeit zwei Wochen mit Barbara am Sinai zu verbringen und unter anderem das Rätsel der zahlreichen verlorenen einzelnen Sandalen und Schuhe mitzuerleben - dem erschliesst sich wirklich eine neue Welt. Die Kargheit und Reduziertheit der Landschaft öffnet den Blick, schärft die Wahrnehmung und beflügelt die Phantasie. Die kathartische Wirkung ist frappierend: mit der Abnahme des zur Verfügung stehenden Wassers scheint sich der innere Reinigungsprozess zu intensivieren.
Und wer einmal einen nächtlichen Wüstenhimmel gesehen hat, der weiß, dass es durchaus Sinn machen kann, Meteoritenfallen aufzustellen. Und sollte dann eine Astralhirtin vorbeihuschen, dann wäre man sicher froh, durch eine Nabelschnur mit der Erde verbunden zu sein.
"die wüste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen dünen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge", hat der deutsche Grafikdesigner und Initiator der berühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung Otl Aicher einmal über seine jährlichen Wüstenreisen geschrieben.
Barbara Husar bringt uns mit ihrem Werk diese ihre eigenen Gedankengänge in der Wüste näher, präsentiert uns ihre persönliche Denklandschaft, zeigt uns ihre Daten- und Motivherde. Die Basis aller ihrer künstlerischen Arbeiten ist die Zeichnung. Schnell, impulsiv, dokumentarisch zeichnet sie gleichsam aus der Hüfte. Mit der Zeichnung startet sie Prozesse und spannt ihre neuronalen Netzwerke. Ihr Duktus ist präzise und klar, erfasst Situationen und öffnet die ihr eigene Kosmologie voller Bildhappen wie zum Beispiel Schnallen, Feuerstellen, Esel, Marilyn Monroe, Flaktürme, Euter, Lilien, usw.

Barbara Husar ist eine moderne Nomadin, ein wenn man so will weder in Raum noch in Zeit definierbarer Mensch. Sie wandelt zwischen den Welten. Mit Leichtigkeit wechselt sie von der Installation zur Druckgrafik, von der Performance zur Zeichnung, von der Malerei zum Video. Sie ergreift Medium um Medium um sich schliesslich selbst zum Medium zu erklären. "I am the Medium" ist da immer wieder auf ihren Graphiken zu finden. Dieser Satz entspringt nicht esoterischen Transzendentalphantasien, vielmehr wird hier Marshall McLuhans Diktum für unsere mediatisierte Welt "The Medium is the Message" in den Husarschen Kosmos übergeführt, während im Hintergrund das McLuhan´sche mediale Rauschen hörbar bleibt.
So nennt Barbara Husar ihre Ausstellung hier in Feldkirch auch "hintergrundrauschen". Das Rauschen ist für die Physik eine "Störgrösse" mit breitem unspezifischen Frequenzspektrum. Meist wird es als Überlagerung mehrerer Schwingungen oder Wellen mit unterschiedlicher Amplitude und Frequenz- bzw. Wellenlänge interpretiert. Vielleicht ist dieses Rauschen das Ausklingen des Urknalls, wer weiss, jedenfalls ist es messbar und damit vorhanden. Diese Verbindung zu den Anfängen der Welt, zu Vielschichtigkeit und Überlagerung ist durchaus gewollt. Auch das Medium der Graphik interpretiert Barbara Husar weitläufig und mehrschichtig. Es sind vor allem Stempel, die ihr graphischen Werk durchziehen. Mittlerweile sind es über 500 dieser Stempel, mit denen sie ihr reichhaltiges Repertoire an Begriffen und Motiven zusammenfasst, die Stempel werden ihre eigene Sprach- und Bedeutungsmaschine, ihre Reproduktionsmechanik mit der sie Schicht um Schicht aufbauen kann.

Wie sie ihre Zeichnungen aus der Hüfte macht, so werden auch ihre Wortgebilde unmittelbar auf die Betrachter geworfen. "Jedes Blatt ist eine Bühne" ist ein für Barbara Husar typischer Satz, und längst ist nicht mehr klar, wer hier Regie führt. Und dann tauchen auch reale Bühnen auf, das Burgtheater, die zerstörten Sophiensäle und der Musikverein. "Jedes Blatt ist eine Bühne", jedoch welche Stücke gespielt werden, das können bzw. müssen die Betrachter selbst entscheiden, alleine das Bühnenbild liegt vor. Die Geschichten sind ausgelegt wie die Gesteins- und Sandschichten der Wüstenberge, an denen man sich nicht sattsehen kann, obwohl vordergründig alles sichtbar scheint. Schicht um Schicht eröffnen sich neue Strukturen und Verschiebungen. Die visuellen Welten der Barbara Anna Husar wirken sehr direkt und unmittelbar und bleiben dennoch verwirrend und rätselhaft.

"Kunst kommt von müssen" hat schon Walter Benjamin konstatiert. Und diese Leidenschaft ist in jeder von Barbara Husars Arbeiten spürbar. Sei es bei den Tarrabeen auf dem Sinai, wo sie die Nabelschnüre ihrer eigenen Ziegenherde sammeln lässt, sei es im Nenzinger Himmel, wo sie diesen Sommer knallbunte Kühe an blutenden Gletschern gemalt hat, sei es diesen Herbst in Bilbao, wo sie ihre Leinwände aus zusammengenähten Getreidesäcken mit riesigen Dinosaurier bevölkert hat und ihr Motivrepertoire um Trico und Rex und Rexa Rexa erweitert wurde. "Nach all den Knochen in der Wüste habe ich es schon kommen sehen, dass jetzt die ganz alten Knochen dran sind", meint sie dazu lachend im Gespräch.
Und dann fasziniert sie der Gedanke, dass unsere Atome vielleicht noch auf die Dinosaurier zurückgehen, dass ein Stück der Dinosaurier vielleicht noch in uns vorhanden ist. Und die Dinos sind ja - so zumindest eine wissenschaftliche Erklärung -durch eine schnelle Erderwärmung also in einer Wüste untergegangen. Alles hängt ja doch mit allem irgendwie zusammen, auch wenn es nicht verständlich scheint. Sogar die Physik hat die Suche nach dem kleinsten aller Teile, dem Atom, aufgegeben, da mittlerweile mit den Quanten noch kleinere Teile entdeckt wurden. Sodass die Quantenphysik heute die Information, das "in Form bringen" ins Zentrum ihrer Forschung rückt und die Teleportation, den Transport von materieller Information zum Ziel hat.

Oder um es mit Barbara Anna Husar zu sagen: "Ich bin Teil, Zwischenteil und Teilchenbeschleuniger."

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DAS MARK DER HERDE

LYRICS

BARBARA ANNA HUSAR
A / 2009 / 62min


DAS MARK DER HERDE
nabelschnüre verbinden welten
datenstränge feingliedriger weltenbühnen 
fügen sich zu filmspuren in meinem wirbelkanal
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_ MEDULLA SPINALIS _
_ HERDENHÜTEN ZWISCHEN DEN TEILCHEN _
_ KUNSTSTROM _
_ KUNSTSTROM DRÜSE _
_ KUNSTSTROM _ HÜTERIN _
_ HORIZONT _ BÜHNE _
------------------------------------------------------------------
_ INTEGRAL _ HIRTIN _
_ DATEN _ TRIEB _
_ DATEN _VENE _
_ SUBLIMINAL _ DATEN _
_ SUBLINGUAL _ DATEN _
_ DATEN _ ESEL _
_ DATEN _ PSYCHO _
_ BLUT _ DATEN _
_ DATEN _ WIEGE _
_ DATEN _ KARAWANE _
_ DATEN _ HÜTEN _
_ DATEN _ PRIMATEN _
------------------------------------------------------------------
_ ZELLKERN _ BÜHNE _
_ PARALLELUNIVERSUM _
_ SUBATOMAR _
_ BÜHNEN _ DEHNUNG _
_ STALL _
------------------------------------------------------------------
_ NABELSCHNUR _
_ HERDENGERUCH _
_ HERDENGERUCH _ HÜTEN _
_ PHEROMONPROBE _
------------------------------------------------------------------
_ NEUROBÜHNE _
_ ZELLKOMMUNIKATION _ HÜTEN _
_ SILBERSCHNUR _
_ DUFTSTOFF _ SILBERSCHNUR _
_ ANSCHNALLEN _
------------------------------------------------------------------
_ HOCHPLATEAU _ HIRTE _
_ DATENSTRANGFABRIK _
_ SUBLIMINAL _ KAMERA _
_ ZELLKERN _ SKIZZE _
_ ZELLKERN _ STALL _
_ URFORM _ INFUSION _
_ SUBLIMINAL _ BUEHNE _
_ SUBLIMINAL _ SUBLINGUAL _
------------------------------------------------------------------
_ DATENHORIZONT _
_ DURA MATER _ HERDE _
_ HORIZONT _ ZWISCHEN DEN TEILCHEN _
_ PEPTID _ HIRTE _
_ INTEGRAL _ CHROMOSOM _
_ SPIEGELNEURONENSKULPTUR _
_ INTERFRITTEUSIALES NETZ _
_ INTEGRAL _ INFUSION _
_ MEDULLA SPINALIS _ STARKSTROM _
_ ICH WIEGE MICH ZWISCHEN MEINEN SYNAPSEN IN EINER HÄNGEMATTE AUS NABELSCHNÜREN _
_ URFORM _ VENE _
_ ZELLMENTAL _
------------------------------------------------------------------
_ DURA MATER _ BÜHNE _
_ HOCHPLATEAU _ HIRTE _
_ ZIEGENPILLE _
------------------------------------------------------------------
_ STAMMHIRN _ WIEGE _
_ ZELLKERN _ STALL _
_ MENTAL _ STAMMZELLE _
_ EUTER _ FOSSIL _
_ PEPTID _ FRITTEUSE _
------------------------------------------------------------------
_ ESEL ZWISCHEN DEN TEILEN _
_ BÜHNE ZWISCHEN DEN TEILEN _
_ PEPTID _ TEIL _ ATTRAKTOR _REIZ _
_ BÜHNE _HÜTEN _
_ BÜHNENBILD _ HÜTEN _
_ BÜHNENBILD _ INTRAVENÖS _
_ ICH BIN TEIL, ZWISCHENTEIL UND TEILCHENBESCHLEUNIGER _


>> DAS MARK DER HERDE / more core

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ORIGINALGRAPHIK, Mischtechnik mit Stempel

SURFEN IN WORTMALEREI

Elisabeth Priedl
Akademie der bildenden Künste, Wien, 2009


Kubisten, Futuristen und Dadaisten haben es lustvoll experimentiert: Das Spiel mit der Sprache und der Schrift. Seitdem Georges Braque und Pablo Picasso Wortfetzen aus Zeitungen und anderen Druckwerken in ihre kubistischen Kollagen integriert haben, hat die Auseinandersetzung von Schrift und Bild eine intermediale Qualität erreicht, die auch von Seiten der Sprachkünstler genussvoll aufgenommen wurde: Visuelle und Konkrete Poesie loteten immer wieder die Grenzen der Bildhaftigkeit der Sprache und die Sprachfähigkeit der Bilder aus. Das Spiel mit der Bedeutung der Schrift, mit ihrer räumlichen Dimension und der räumlichen Positionierung der Buchstaben hatte begonnen. Bühne frei für Barbara Husar:

medulla ossium & ZIEGENBOCK / KUNSTSTROM drüse / zellkern HIRTE / ASTRALSKULPTUR peptid / mental MEMBRAN / ZIEGENBOCK drama / drama WIEGE / polyrhytmisches VERHÄLTNIS / MULTIMEDIALER organismus / neuronale PISTE ...

Dieses Feuerwerk an Assoziationen sprengt zunächst den geläufigen Wortspeicher der LeserIn, lässt nach Mustern und Zusammenhängen kramen, mitunter auch nach der Bedeutung einzelner Wörter nachforschen. STARKSTROM im STAMMHIRN. Aber es gibt mitunter auch visuelle Hinweise. Gestempelte Begrifft treffen auf Stempelbilder. Ein MULTIMEDIALER ORGANISMUS braut sich zusammen, reißt uns mit, direkt hinein in das Epizentrum von Barbara Husars Welt-Kunst-Bühne. Die Dynamik, die damit ausgelöst wird, korrespondiert auch mit der Dynamik des Herstellungsprozesses. Diese Künstlerin ist in vielen Medien zu Hause: der Malerei, Graphik, Objektkunst, im Film und dieser Logik gemäß auch in multimedialen Projekten. Ausgangspunkt der multimedialen Arbeiten sind immer wieder Zeichnungen, die in einem schnellen, unmittelbaren Duktus, der unkalkulierbaren Aktivität eines NEURONALEN NETZWERKS gleich, direkt auf die Blätter zu fließen scheinen. Auf Italienisch heißt Zeichnung disegno und ist ein zentraler Kunstbegriff der Renaissance. Disegno bedeutet aber nicht nur Zeichnung, sondern ist auch ein Synonym für ein geistiges Konzept, das die Grundlage aller Künste darstellt. Das Konzept der prima idea, des ersten Einfalls also, das die Zeichnung verkörperte, wurde mitunter mehr geschätzt als das ausgeführte und durchkomponierte Kunstwerk, da sie die Entwicklung eines Werkes wesentlich lebendiger und authentischer als das fertige Gemälde wiedergab. Dadurch entwickelte sich aus den anfangs nur vorbereitenden Skizzen eine eigene Kunstgattung. Als solche könnte man auch die gestempelten Arbeiten Barbara Husars bezeichnen, denn sie skizzieren noch schneller und scheinbar ohne reglementierende Kontrolle ein Konzept von Kunst, das gewissermaßen SUBLINGUAL direkt zur LeserIn/BetrachterIn gelangt, ohne den Umweg über die Form, die ja zuerst noch entschlüsselt werden will, bevor man sie in der Interpretation dann wieder kontextualisiert. Zu den gestempelten Wörtern gesellen sich auch mehr und mehr gestempelte Motive, wodurch sich die Spirale von Wort-Bild-Verhältnis wieder in Richtung Visualisierung weiterdreht. Im Sommer 2009 waren es mit Vorliebe gestempelte Bühnenräume: das Burgtheater, der Musikverein und die ruinierten Sofiensäle aus Wien. Der Stempel-Kosmos von Barbara Husar wächst ständig: Zurzeit sind es etwa über 400 Stempel (es ist zu vermuten, dass es inzwischen noch mehr geworden sind), mit welchen die Künstlerin simultan arbeitet. Daraus entstehen die besprochenen Kunstwörter, Kunstwörtersysteme, Kunstwörternetzwerke. Viele dieser Begriffe stammen aus der Medizin, der Psychologie, der Neuropsychologie, der Physiologie, der Physik und der Biochemie, die auf den Bühnen der einzelnen Blätter (welche - auch hier - die Welt bedeuten) eine komisch absurde Aufführungspraxis aktuellster Wissenschaftspraktiken vorführen. Doch erden einzelne Wörter diese schwindelerregenden babylonischen Türme dazwischen immer wieder und führen zurück in ein antikes Arkadien, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen unbelastet in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten lebten: HIRTE / HERDE / ZIEGENBOCK / WIEGE / BASIS / BLUT. Nur dass Barbara Husars Arkadien nicht in Griechenland liegt, sondern auf der Halbinsel Sinai.


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KUNSTSTROM / My second herd

Audhumla, Itoori, Wanda, Bine & Co. die Herde am Ursprung des Kunststroms.

Susanne Längle, 2009


Wer schon einmal von einer Kuhzunge erwischt wurde - warm, feucht, dabei rau und kräftig - der kann sich ungefähr vorstellen, was für ein Erweckungserlebnis es für den ersten Menschen gewesen sein muss, von einer solchen aus dem ewigen Eis geschleckt worden zu sein. Nicht Adam ist hier gemeint, der verlustierte sich ja bekanntlich im milden Klima des Garten Eden, kaum dass ihm Lebensatem in die Nase geblasen war. Nein, von Buri ist die Rede, dem mythischen Urwesen der Germanen, gefangen tief im Gletschereis und befreit durch die riesenhafte Urkuh Audhumla: "Diese Kuh beleckte die salzigen Eisblöcke- da kamen am Abend des ersten Tages Menschenhaare hervor, den andern Tag eines Mannes Haupt, den dritten Tag ward es ein ganzer Mann, der hieß Buri, und war groß und stark und schön von Angesicht-. Vier mächtige Milchströme umflossen den Eisgeborenen wie Flüsse, ernährten ihn und seine Nachkommenschaft - eine Kuh als Geburtshelferin, ihre Milch Quell alles menschlichen Seins: die Welt aus einem Euter.

An Audhumla, die Milchreiche, muss man denken, steht man am imaginären Ursprung des Kunststroms von Barbara Husar. Der Ochsentalgletscher ist nicht weit, frostige Spur aus der Urzeit. Ihm entspringt die Ill, die das Ochsental durchläuft und sich am Beton staut, genau dort, wo früher ein nacheiszeitlicher See die Stille und weltferne Erhabenheit der Berge spiegelte. Megaloman der Anblick heute. 80 mal 400 Meter graue Masse baut sich vor einem auf, eine Zäsur in der Landschaft, ein Superclash von Natur und Technik. Die Wuchtigkeit der Mauer, die Barbara Husar Tag und Nacht vor Augen und nicht nur körperlich erfahrbar war, forderte sie zu einer ebenso substantiellen Reaktion heraus. Druck ablassen, so ihre Strategie. Fließen lassen. Der Perversion künstlicher Maximierung durch Stauung begegnet Husar mit lustvoller Brandung. Sie durchstößt die Wandung mit einer Aluminiumskulptur und bringt damit symbolisch das Becken zum überlaufen: Wie liquide wirkt die gläserne Verschalung der Solarzellen, wie Wirbel und Strudel die sich darin spiegelnden Wolken, eine einzige große Flut, die sich ins Tal ergisst. Nichts ist übrig von der wehrhaften Feste der Mauer: Historische Sedimente, kulturelle Ablagerungen - der Kunststrom fließt durch alle memorierenden Membranen hindurch, lädt sich energetisch auf, bedeutet Freisetzung fruchtbarer Fülle.

Wasser, Sperma, Milch - Big Fisch, das penetrierende Grossobjekt, es schwimmt in vielen Strömen- denkt man sich den Stausee als Euter, dann färbt sich der Plug rosarot und vor uns liegt eine Riesenzitze. Audhumla lässt grüßen, und mit ihr die Urkuh Itoori. Auch eine Heilige, so glaubt das in der Sahelzone lebende Hirtenvolk der Fulbe. Nur ein Tropfen Milch aus ihrem Euter genügte für den Urknall. Ein sachter allerdings, denn Kuhgöttinnen sind sanftmütige Wesen, friedsam und dienend, ganz im Unterscheid zu ihren draufgängerischen männlichen Kollegen. So galt die Kuh mit ihrer selbstlosen Sorge um Nahrung und Wärme in der germanischen und afrikanischen Mythologie als Vorbedingung allen irdischen Lebens. Wahrhafte Göttinnen findet man auch in der Husarschen Herde: Das Euter keck auf dem Kopf wie ein Krönchen, das Fell so leuchtend, als hätte ihnen jemand Phosphor ins Futter getan, vergnügt und lüstern, weiden Wanda und Bine, Priscilla, Vroni, Rocko & Rosi am Ursprung des Kunststroms. Doch statt zu Eskapismus in ein heiter-bukolisches Idyll, lädt Barbara Husar, die Hirtin, ein zu einem lustvollen Frühstück auf dem Euter: Gespeist vom Urstrom pfeifen wir in manetscher Art auf Enge und Edelweiß.

Das Euter - bei Husar wird es zum Symbol autonomen Seins, ja mehr noch, es beginnt selbst ein Eigenleben. Mit Stiefeletten bewehrt, stakst es auf hohen Beinen in die Welt, tanzt, spielt, liebt, ist neugierig und extrovertiert, kurz: lässt es fliessen! Und es führt uns zurück ans Feuer, weg vom Spitzenstrom zurück zur Energie der Urzeit. Luft, Wasser und Nahrung, ein wärmendes Feuer - das sind die Basics. Wie überdimensioniert und überspannt erscheinen da die Volumina des Stausees. Das Unfassbare begreifbar zu machen, das Potential des Raumes zu übersetzen auf das eigene Maß, Welten zu verschnallen und Synapsen funken zu lassen, darum geht es Husar. Sinai - Silvretta und zurück: Durch ihre Erfahrungen in der Wüste kann Barbara Husar Energie auf eine Feuerstelle reduzieren, auf eine Flamme, die züngelnd die Nacht erhellt und einem bewusst macht, dass man Teil einer Herde ist - und die Erde ein Euter.

 

  >> KUNSTSTROM, Silvretta 2008
>> My second herd, Copenhagen 2008

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BIG FISCH / KUNSTSTROM

DER STÖPSEL

Winfried Nußbaummüller, Kunsthaus Bregenz, 2009


Wer Kunst als energetisches Potenzial begreift, das sich im geeigneten Moment in Bezug auf ein bestimmtes Publikum entlädt, taucht bereits in die konzeptionelle Tiefe von BIG FISCH. Unter diesem Titel verpasst Barbara Anna Husar, die in anderen Facetten ihrer Kunst eher feinstofflich - mit Pillen oder Nabelschnüren - arbeitet, im Rahmen eines im SilvrettAtelier 2008 entstandenen Projektes, der Staumauer auf der Bieler Höhe theoretisch einen Stöpsel. Konkret ist dieses Ding aus grauschwarzem Aluminium ein überdimensionales Sexspielzeug, ein stimulierender Dildo für den Anus.
Der Stausee selbst ist eine amorphe Masse liquider Kraft, die von einer archaisch-tourismustauglichen Landschaftskulisse und einem ungeheuren Betonwall in Zaum gehalten wird. In Analogie zum Bild des Auffangbeckens und der vom Schließmuskel durch An- und Entspannung regulierten Druckenergie, sieht Husar die Mauer anthropomorph als Beckenboden, den es zu penetrieren gilt. Sie durchdringt das Bauwerk, das sich als kulturgeschichtlich relevantes Elektrizitätsmahnmal, als Aus- und Überblickspunkt, als Zeichen von Dominanz und technischer Machbarkeit gegenüber der Natur aufrichtet. Der Analplug (der Po-Stöpsel) ist im Oldenbourgschen Sinne, genauso wie die en passant ironisch kommentierte "Signatur 02" (2002) von Gottfried Bechtold, ein vergrößertes Readymade: Wichtigkeit andeutend in der Dimension und in der schlichten Behauptung seiner Kontextrelevanz. BIG FISCH bohrt die Konstruktion der Macht nun symbolisch an und stimuliert damit das Nachdenken über die Auswirkungen einer solchen kulturellen Praxis. Die angespannte Wand, die sich bisher so ungefragt vehement der Naturgewalt entgegenstemmt, wird mit einer heiklen lustbetonten Sollbruchstelle versehen. Wie bei manch anderen Arten von Lustkatalysatoren ist die daraus entstehende Form der Energiegewinnung doch schwerer dosierbar oder weniger mechanisch zu kontrollieren.
Husar spinnt den Faden der Kräftevektoren weiter und entwickelt aus dem surreal-pornografischen BIG FISCH ein Projekt, das die Gewinnung von kommerziell verwertbarem KUNSTSTROM vorsieht. Durch den Kamineffekt einer der gesamten Talseite der Staumauer vorgesetzten Haut aus Glas und Solarzellen zieht heiße Luft in die zylindrische Skulptur und treibt damit eine Windturbine an. Dem herkömmlich unvermeidlichen Fragensog nach dem Mehrwert von Kunst - als leichteste Infragestellung ihrer Existenz - wird damit in einer Kraftwerksskulptur selbstreferentiell genüge getan. Doch darüber hinaus besteht ein innerer Zusammenhang zwischen dem Strom aus der Steckdose, einem Saft der nur in seinen Auswirkungen - nicht aber als physisch fassbares Material - in Erscheinung tritt, und einer Kunst, die sich als Spannungsquelle versteht, da sie letztlich auch nur in den innerlich generierten Bildern im Auge und in der Vorstellung des Betrachters geschieht. Ein Kunstwerk, das allein die Erwartungen des Rezipienten erfüllt, ist zudem nur wie das Plus einer Batterie, die ohne ihr Gegenteil (dem Minus) - die Enttäuschung, die unterfüllte Seite und die Krise des Publikums - keine oszillierende Kraft entfalten kann. Bei Kunststrom steht der Sog nach Mehr an Energie, Lust oder Bedeutung in Bezug zum Plug, der sich gleich einer parasitären Mine in die Betonwand frisst. Seine in ihm manifeste Maximierungsperversion destabilisiert ein Wertesystem. Spannend - denn was passiert, wenn ein solcher Stöpsel tatsächlich gezogen wird?  

  >> KUNSTSTROM, Silvretta 2008

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Atelierbesuch

Herdentiere, Kommunikationsstränge

Daniela Egger, 2009


Die Feldkircher Künstlerin Barbara Anna Husar (1975) auf einer kleinen Textspalte vorzustellen ähnelt dem Versuch, ein Universum in ein kleines Wurmloch zu stopfen - man nimmt einen Ausschnitt und faltet ihn zusammen, im Vertrauen darauf, dass auch der Rest des Universums sich auf der Parallelseite wieder entfaltet. In diesem Fall also auf der Leser/innenseite. Barbara Husar hat einen Hang zu Herdentieren, zur Wüste und zu den feinen Verbindungen, die als Sitz der Seele und des Lebens verdächtigt werden.
Sie ist sogar selbst Besitzerin einer Ziegenherde in der Wüste Sinai geworden, um an die materielle Version dieser Verbindungsschnüre zu kommen: sie braucht die Nabelschnüre ihrer Ziegen für ihr aktuelles Projekt DATA EXCHANGE.
Nabelschnüre gelten den Nomaden als Sitz der Seele, den westlichen Medizinern zumindest als lebensspendendes Organ und der Künstlerin als geeignetes Flechtmaterial für eine Hängematte, Sinnbild für Kommunikation, Verbindung und Geborgenheit. Auch die feine Silberschnur, die in bestimmten Kreisen als Draht zur Seele gesehen wird, spielt eine Rolle in den Objekten und Arbeiten, die sich wie ein Reigen um bestimmte Themen drehen. Videos, Projektionen, Gemälde, Performance und Objekte - welches Medium sie auch wählt, meist steht am Anfang ihrer Arbeiten die Zeichnung, Papier und Stift, so reduziert wie das Leben mit dem Beduinen aus dem Stamm der Tarrabeen, zu denen sie immer wieder zurückkehrt.
Und sie kehrt von den urbanen Verflechtungen auch immer wieder zurück zu den archaischen Motiven des Lebens, hält einen Zoom von der Kuhherde auf das Euter auf die Milch und ihre Macht, zeigt Strukturen und Verbindungen auf und scheut sich nicht vor in der Kunstwelt verpönten Worten wie Astralkörper oder Spiritualität. Ihre zweite Herde ist derzeit im Palais Liechtenstein in Feldkirch untergebracht, auf synthetische Saatgutsäcken gemalt und mit Namen wie Agatha, Markus und Vroni versehen.
Barbara Husar studierte an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam und an der School of Visual Arts, New York. 2007 erhielt sie das Staatsstipendium für Bildende Kunst, 2009 den Hubert Berchtold Preis. Länder wie Dänemark, Rumänien, Russland finden sich ebenso in der Liste ihrer Ausstellungen wie die USA, Kenia und immer wieder Österreich - Kunsthaus Bregenz, Kunsthalle Wien, Sammlung Essl oder wie jetzt aktuell die Feldkircher Gruppenausstellung zum SilvrettAtelier08.

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ein Kommentar

ASTRALSKULPTUR, 28:14min/dv/2008

Stefania Pitscheider Soraperra, 2008


  Ein radlos, ausrangierter Geländewagen irgendwo am Sinai und eine Familie von Beduinen, die lachend im Auto sitzt und eine Wüstenfahrt simuliert. Oder ein singendes Mädchen, das sich in einem Strauch in der Wüste wiegt. Das sind typische Szenen aus Barbara Husars neuem Film ASTRALSKULPTUR, einer Experimentaldokumentation, wie die Künstlerin ihre filmische Arbeit nennt.

   Der in der Wüste entstandene Film kreist wie oft zuvor um die langjährige, intensive Beziehung der Künstlerin zum Beduinenstamm der Tarrabeen. Seit über zehn Jahren besucht Barbara Husar regelmäßig die Beduinen auf der Halbinsel Sinai. Ihre Erfahrungen und Begegnungen reflektiert sie in ihrem mehrjährigen Prozess DATA EXCHANGE. Bei Data Exchange - zum Prozess gehören viele Etappen wie Reisen, Ausstellungen, Bücher, Installationen - geht es Husar im Wesentlichen um den Informationsfluss. Als elementarstes Medium für Informations- und Datentransfer sieht Husar die Nabelschnur. Weil sie in der Wüste ihre eigene Ziegen- und Schafherde besitzt, kreisen viele der Arbeiten Barbara Husars um die Nabelschnüre ihrer Wüstentiere. Jenseits ihrer physiologischen Funktion werden diese Nabelschnüre zu Sinnbildern für mediale Praktiken und Kommunikationsmechanismen. Husar stellt vielfältige Beziehungen zwischen dem neurotischen Rhythmus urbaner Lebensweisen und archaischen Tagesablauf der von der Wanderviehwirtschaft lebenden Wüstenomaden.

Dies erreicht Husar nicht zuletzt durch ihren unerschrockenen und ständig variierenden Einsatz von Medien. Mit Leichtigkeit und Selbstverständnis wechselt sie von der Installation zur Druckgrafik, von der Performance zur Zeichnung, von der Malerei zum Video. Die unterschiedlichen Medien kreuzen und verdichten sich immer wieder, bieten neue Einblicke und neue Sichtweisen. So wie sie zwischen den Medien zappt bedient sie sich auch ohne Einschränkung eines breiten und ständig wachsenden Motivrepertoires. Ihre oft surrealen Motive kommen irgendwann ans Tageslicht. So mutieren in der Wüste gefundene Schuhschnallen zu Synapsen und werden zu Sinnbildern für Gehirnmechanismen. Und Friteusenkoerbe werden zu grafischen Abbildern von Hirnnetzwerken. Ebenso begegnen uns Nabelschnüre, Fallschirme, Euter, Space Pills, Flaktürme, Kamele, Nervenzellen, Perücken, Skelette, ein Trachtenpaar, eine Yogini, Ameisen, Leiterplatten, Sternenkarten, Froschprinzen, diverse Herden oder Gebärmütter. Zu den vielfältigen Bildmotiven gesellen sich Begriffe, Schlagworte und Codes, die Ausgangspunkt für weitere Assoziationsketten sind. Husar würfelt ihre Grundmotive zusammen und spuckt sie in endlosen Kombinationen wieder aus, sie modifziert sie, legt sie uebereinander, koppelt sie und führt sie in immer neue, oft überraschende Zusammenhänge und Kontexte. Die aus dieser Auseinandersetzung entstandenen Objekte, Blätter, Bilder und Filme, subsumiert Husar unter dem Begriff - beduin popart -.

Ein Medium ist in Barbara Husars Arbeit Maß gebend. In der Zeichnung ist die Künstlerin in ihrem ureigensten Element. Ihr Duktus ist schnell, unmittelbar, dokumentarisch, sie zeichnet -aus der Hüfte-. So gesehen ist die Zeichnung das für sie adäquate Ausdrucksmittel. Auch in ihrem neuen Film Astralskulptur sind es Zeichnungen, die die Szenen zusammenhalten und erweitern und das spezielle Genre der Experimentaldokumentation veranschaulichen.

Für den Charakter des Film ist die Stimme aus dem Off von entscheidender Wichtigkeit: Es ist Barbara Husars Stimme und sie ist weder objektiv noch offiziös oder autoritär. Vielmehr ist sie poetischer Kommentar zu den Bildern. Husar geht nicht wie in einem klassischen, nichtfiktionalen Dokumentarfilm, das sich in der Regel ausschließlich mit dem tatsächlichen Geschehen befasst, vor. Die Konventionen und die Stilmittel des Dokumentar films werden spielerisch eingesetzt, der Film strahlt die Privatheit und Unbekümmertheit eines Familienvideos aus. Gerade dadurch wird Husar jedoch dem Anspruch eines Dokumentarfilms nach Authentizitaet gerecht. Die Anwesenheit der Kamera prägt zwar unweigerlich die Situationen. Es ist aber die tiefe persönliche Beziehung zwischen der Künstlerin und den Dargestellten, die es der Kamera erlaubt, repräsentative Szenen einzufangen und sie zu poetisch-surrealen Momentaufnahmen zu machen. 1925 hat Sergej Eisenstein gesagt: Für mich ist es ziemlich egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentar film. In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.


 

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meisterstoffwechslerin aida galactica

im anfang war die gebärmutter

martin luger, dezember 2008


im anfang war die gebärmutter
der schritt vom wirklichen hin zum menschlichen ist jener der stoffwechselproduktion von kultur.
durch den status als transkontinental agierende ziegenherdennabelschnurbesitzerin hat barbara husar mehr wie kaum jemand das anrecht verdient kraftvoll im gebiet des kulturellen stoffwechsels mitzumischen.
einblicke in die beachtliche werkschau zeitigen für mich folgende grundlegende zwischenergebnisse:

~ die suche nach verbundenheit schafft verbindungen:
hilfreiche handlungen multimedialer assoziationsgabe finden hier sich mit verspielter leichtigkeit verzweigende ähnlichkeiten und laden mutig dazu ein synapsen untereinander neu zu verschalten und ungeahnte gedankengänge-datenstränge zu stärken.

~ leibliche feststofflichkeit gebiert virtuelle feinstofflichkeit und vice versa:
biophysikalische funktionen des zusammenlebens mit herdentieren verweisen auf überlebensnotwendige zusammenhänge mentalsozialer wasserstellen und das leben als infiniten entnabelungsakt von-hin zu unterschiedlich gewichtigen wahrheiten.

~ kunst als attraktor feminin-metaphysischer antwortstränge:
kaum aus der raumzeitlichen pflicht des antimaterialistisch-materialistischen spannungsfeldes entlassen treten stammzellenpopulationen und neuronennetzwerke als metaphernverliebte nabelschnurherden symbolisch zur geist-materie koppelnden kür an mutter-erde mit mutter-leib zu versöhnen.

mögliche ausblicke lassen folgenden erstaunlichen schluss zu:  eine gründliche und angstfreie immersion innerhalb derartig verbindlich metaphysikalisch-lichtbetriebener nabelschnurdatenautobahnen erlaubt gegebenenfalls ungeahnte horizonterweiterungen auf bis dato unerforschte intergalaktische ontophylogenetische kulturstoffwechselprozesshaftigkeiten.


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3,6kg Gold, eine Leihgabe

gregor k. dezember 2008


Zum Thema Nabelschnüre aus der Sicht des Kunstagenten Gregor K.
Anlässlich einer Reise nach Wien und einer Performance im Ernst-Happel-Stadion wurde folgende Idee geboren:

Meine liebste Künstlerin und ich in einer Menge von nackten Menschen machten uns Gedanken zum Thema Leben, Mensch und Nabelschnüre. Ihre Ziegenherde in der Wüste Sinai und das Sammeln von Nabelschnüren waren mir bereits bekannt. Die Idee aus ca. 300 Nabelschnüre eine Hängematte zu knüpfen, hörte ich zum ersten Mal.

Da ich ein kluger Mensch bin, war mir schon im Frühjahr klar, dass die wirtschaftliche Situation und der hohe Rohölpreis die Wirtschaft niemals ankurbeln kann. So ist es als Galerist vielleicht naheliegend, dass in so einem Fall das Geld (Gold) besser in Kunst angelegt wird. Die getrocknete Nabelschnur einer Wüstenziege hat ein ungefähres Gewicht von 12 Gramm, dies macht bei 300 Nabelschnüren ein Gesamtgewicht von 3,6 Kilogramm. Bei einem Telefonat mit der Nationalbank in Wien wurde mir erklärt, dass diese kein Gold im Keller haben. Ich wurde dann auf eine andere Stelle verwiesen, mit einer sehr sympathischen Dame verbunden, die als stärkeres Geschlecht das Thema Leben (Nabelschnüre) sofort verstand.

Barbara hat mit dieser Dame von Ögussa sofort Kontakt aufgenommen. Wir wollen die 3,6 Kilogramm Gold natürlich nicht als Sponsoring, sondern nur als Leihgabe. Ich als Galerist verzichte sowieso auf ein Sponsoring, da ich mir für Bibeln und Nabelschnüre sowieso keinen angemessenen Preis vorstellen kann.

Dieser Gold-Prozess wird 2009 im Rahmen von `Kraft der Berge´ in der Kulturhauptstadt Linz gemeinsam mit anderen Positionen für diverse Überraschungen sorgen.

Mit freundlichen Grüßen und einem Auge für die Künste
Gregor K., Gelegenheitsgalerist


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Barbara Husar

Multimediale Organismen

Marlene Gölz, Galerie Konzett, Juni 2008


Seit zwölf Jahren bereist Barbara Husar (*1975) die Wüste Sinai. Zahlreiche Zeichnungen hat sie dort angefertigt, Kontakte zu Beduinen geknüpft, und die Verknüpfung ist es auch, um die sich in ihrem umfangreichen Werkkomplex alles dreht. Symbolträger für diese Synapsen stellen die Schuhschnallen von Einheimischen dar, die Husar 1999 im Wüstensand gefunden hat. Die Ergänzung der Schnalle zum assoziativen Netzwerk fand die Künstlerin in einem heimischen Hausratutensil, der Fritteuse. Das Gitterwerk erhält durch Husars Interpretation ungeahnte Qualitäten: als Meteoritenfalle wird es auf Raumdecken gespannt, auf dem Kopf getragen oder als schlichtes Einzelobjekt an die Wand gehängt.
Zu den beiden thematischen Hauptsträngen Verknüpfung und Netzwerk, kommt ein dritter hinzu, die Bewegung. Sinnbild für Informationsaustausch ist die im Werkkomplex DATA EXCHANGE verwendete Nabelschnur. Diese ist jedoch auch der Sitz der Seele, und auch Ziegen haben eine Seele! weshalb die Beduinen der ihnen vertrauten Österreicherin keine Nabelschnüre von ihrer Herde zur Verfügung stellen wollten. Sie solle sich vom Geld aus dem Kulturförderfonds für Neue Medien doch eine eigene Herde kaufen, sich mit Allah arrangieren, dann könne man die Verwendung von Ziegennabelschnüren für ein Kunstprojekt sicherlich vertreten. Und also ist Barbara Husar nun Herdenbesitzerin. Aus den Nabelschnüren, die sie nach und nach sammelt, will die Künstlerin eine Hängematte knüpfen, ein Netzwerk, das uns trägt, Sinnbild für Kommunikationsstrukturen und Geborgenheit. Ein Objekt, das Husars Ideen und Werkstränge rund um ihre Erfahrungen in der Wüste vereint.
Ureigenes Medium und Ausgangspunkt für alle Folgearbeiten der Künstlerin ist die Zeichnung. Nach und nach entwickelt sie eine lesbare Symbolik, bietet sie Schlüssel zu ihrer Bildwelt an. Informations-happen wie Schafe,Feuerstellen, Marilyn Monroe, Flaktürme, Euter oder Lilien verweisen auf Stadt und Land, Grundbedürfnisse und Luxus, und die verschiedenen Kulturkreise, an deren Schnittstelle sich die Künstlerin eingerichtet hat. Auch formal will sich Husar nicht zuordnen lassen. - Multimediale Organismen - nennt sie ihre Arbeiten, die in der Zeichnung ihren Ausgang gefunden haben und in Skulptur, Film, Fotografie und Performance münden.
Eine Auswahl ist in der Ausstellung ZEUGAORTAPLACENTATAS zu sehen: Zeichnungen konterkarieren mit minimalistisch anmutenden Ready Mades, den Fritteusen alias Meteoritenfallen. Eine Silberschnur schließlich vereint die westliche Monroe-Welt mit Völkern wie den Tarrabeen, dem am Sinai lebenden Beduinenstamm. Eigens für die Ausstellung rund um Leben an sich, gefertigt, meint die Künstlerin: So wie die Nabelschnur in das Leben führt, wird im Moment des Todes die lebenslang bestehende energetische Silberschnur als Verbindung zwischen grob und feinstofflichem Körper gelöst und weilt bis zur möglichen nächsten Inkarnation im feinstofflichen Bereich.



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Sammlung Essl / Austria Contemporary

Ich bin Herdenbesitzerin, ich arbeite mit Nabelschnüren

Karin Altmann, Essl Museum, 2008

Dieses Statement der in Feldkirch geborenen Künstlerin Barbara Husar löste in meinem Kopf spontan Assoziationen mit Vorarlberger Idylle und saftig grünen Weiden aus, Gedankenverknüpfungen, die jedoch bei unserem ersten Treffen schlagartig zerrissen, als sie mit Bildern des größtmöglichen Kontrastes konfrontiert wurden: Bilder der Kargheit, der endlosen Weite und der Leere. Die Künstlerin und moderne Nomadin (Feldkirch-Wien-Amsterdam-New York) zieht es seit mehr als zehn Jahren immer wieder in die Wüste. Genauer gesagt in die Wüste der Halbinsel Sinai, wo sie Bekanntschaft mit dem Beduinenstamm der Tarrabeen machte, mit denen sie seither eine besondere Freundschaft pflegt. Doch weshalb zieht es eine Vorarlbergerin in die Wüste?

Die Wüste ist ein Sinnbild für Weltferne und Zivilisationsüberdruss, eine Projektionsfläche für eigene Fantasien und Sehnsüchte. Wenn sich ein Mensch aus der zivilisierten und hochentwickelten Welt in die Wüste begibt, dann treibt ihn eine innere Suche an, eine Suche nach Abenteuer, nach einem Gegengewicht zu unserer kapitalistischen hybriden Gegenwart, nach Stille - der wohl größten Qualität, die in der Wüste geborgen liegt - und zu sich selbst. In die Wüste zu gehen gleicht einem Akt der Reinigung. Man entscheidet sich alle Annehmlichkeiten, materielle Bindungen und sonstigen Ballast des Lebens hinter sich zu lassen und gewinnt im Gegenzug ein Stück persönliche Freiheit. Ob im Innern einer Seele oder in der äußeren Realität, ist sie ein unvergleichlich kreativer Raum, ein Raum für existenzielle Erfahrungen, auch wenn die Wüste im Zeitalter von Satellitennavigation, Mobiltelefon und freundlichen, fürsorglichen Beduinen ihren Schrecken und ihre Lebensfeindlichkeit weitgehend verloren hat. Als Künstler/in die Wüste zu bereisen bedeutet, sich auf eine Gratwanderung zwischen Gestern und Heute zu begeben und in eine Denklandschaft einzutauchen, in der sich der eigene Gedankenhorizont stets verändert; denn in der Wüste ändern sich nicht nur die Wertvorstellungen, sondern auch die Strukturen des gewohnten Denkens. Während Logik und Wissen verblassen und die Wahrnehmung geschärft wird, wandern die Gedanken wild umher und manifestieren sich immer wieder in neuen künstlerischen Entwürfen. Zwischen Künstler/in und Umgebung entsteht eine spannungsgeladene, inspirierende Beziehung, die auch im Werk von Barbara Husar deutlich spürbar ist. Der Kontrast zwischen archaisch-kargem Wüstenleben und moderner Informationsgesellschaft weckte Husars Interesse am Austausch von Daten und Botschaften, aus dem sich in Folge ihr Werk Data Exchange entwickelte. In der Wüste sind es vor allem einzelne Augenblicke und Inspirationen am Wegesrand, die Auge, Scharfsinn und Empfindsamkeit stets aufs Neue herausfordern. Im Fall von Barbara Husar waren es zurückgelassene Schuhschnallen, die nach einer beharrlichen zeichnerischen Annäherung zu Metaphern für den Datentransfer wurden. Wie Synapsen(1), die einen wesentlichen Teil des Netzwerkes im Gehirn darstellen, wurden die Schnallen zu Verbindungsstellen und immer wiederkehrenden Motiven in Husars Arbeit. Dieses Repertoire an Sinnbildern für neuronale Kommunikationsmechanismen wurde 2005 durch Friteusen, in denen die Künstlerin mehrfachdimensional zusammengeschnallte Netzwerke und sogar Meteoritenfallen erkennt, und 2007 durch Nabelschnüre erweitert. Die Nabelschnur dient als Kommunikationskanal. Sie sichert den Datenfluss, der zum Überleben notwendig ist, verbindet Innen und Außen und somit völlig unterschiedliche Lebenswelten. Mit der Intention, für diesen geplanten Datentransfer den Beduinenfrauen vor Ort Nabelschnüre ihrer Ziegen abzukaufen, begab sich Barbara Husar 2007 erneut auf eine Reise in die sinaitischen Wadis. Doch ihre Idee stieß anfangs auf wenig Verständnis, da die Beduinenfrauen der Meinung sind, dass sie über die Nabelschnur nicht frei verfügen können, denn, wie die arabische Bezeichnung habel surri [habl surri:], was mit ?geheimnisvolle Schnur? übersetzt werden kann, erahnen lässt, beherbergt die Nabelschnur die Seele des Tieres. Eine Möglichkeit auf diese Auffassung mit entsprechender Sensibilität zu reagieren und trotzdem Nabelschnüre von Ziegen zu beziehen, bestand darin, eine eigene Ziegenherde zu erwerben. So wurde Barbara Husar Besitzerin einer sechsköpfigen Ziegenherde in der Wüste Sinai. Mit dem Anschaffen dieser Ziegenherde bildete Barbara Husar eine weitere Brücke, die den interkulturellen Austausch zwischen dem naturverbundenen Leben in der Wüste und dem technologisierten Stadtleben ermöglicht; ein Nabelschnurspagat, sozusagen.

(1) Synapse: Kontakt und Umschaltstelle für die Ereignisübertragung von einer Nervenzelle auf eine andere oder ein Erfolgsorgan. Die Energieübertragung erfolgt vor allem biochemisch mit Hilfe von Überträgersubstanzen, sogenannten Neurotransmittern.

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Sammlung Essl / Austria Contemporary

Data Exchange ist installiert

Veronika Hauer,Essl Museum, 2008

Im Gespräch erzählt Barbara Husar von Sinnbildern, die neuerdings als Stempel ihre Zeichnungen und Fotografien da und dort markieren: Schnallen, Friteusen, Nabelschnüre, Hängematten. Als ich diese Stichworte losgelöst von jeglicher Erklärung zum ersten Mal höre, bin ich ratlos was ich damit anfangen soll. Ich habe eine gewisse Abneigung gegen Sinnbilder. Als wir mit Barbara Husar ins Gespräch kommen, erweist sich der Gebrauch von Sinnbildern als eine Freude der Künstlerin an deren lyrischer gewitzter Verknüpfung. Als Husar 1996 das erste Mal zum Stamm der Tarrabeen auf die Halbinsel Sinai reiste, zeichnete sie in den Wochen ihres Aufenthaltes alles was sie umgab. Zeichnen schien ihr eine Methode, den Ort zu begreifen und sich von dem was sie erlebte ein Bild zu machen. Während ihrer Sinai-Reise 1999, setzte sie sich zum Ziel, bis zum Ende ihres Aufenthaltes eine der im Sand liegen gebliebenen ledernen Schuhschnallen im Detail zu zeichnen. Schnallen braucht Zeit lautete aus diesem Grund auch der Titel der Arbeit, die diese mühevollen Zeichenarbeiten dokumentierte. Schnallen braucht Zeit, eine Anspielung auf die lange Zeit in der Wüste, auf das Zusammentreffen mit einer anderen Kultur, einem anderen Lebensraum und Lebensweise.

2007, nachdem sich durch zahlreiche weitere Aufenthalten bei den Tarabeen eine -respektvoll gepflegte Freundschaft- entwickelt hatte, suchte Husar nach einem weiteren Sinnbild für den Informationsfluss und fand es in der Nabelschnur der Wüstenziegen, die ihr als stärkst möglicher Kontrast zur urbanen neurotischen Vernetzung erschien. Für ihr Projekt Data Exchange wollte sie versuchen die Nabelschnur als neues Handelsgut zwischen ihr und den Beduinenfrauen zu installieren. Ein Handel, der die Urdatenstränge dieser Kultur in einem westlichen Kontext kommunizieren und gleichermaßen das Netzwerk der Frauen vor Ort unterstützen sollte. Husar erfuhr jedoch rasch, dass die Nabelschnur unter keinen Umständen von den Beduininnen verkauft werden würde, selbst wenn das Entgelt lukrativ erschien. Gemeinsam überlegte man sich eine Alternative um das Projekt Data Exchange dennoch in die Gänge zu bekommen. Heute besitzt Husar eine eigene Herde von 11 Wüstenziegen, die während ihrer Abwesenheit in der Wüste von einer alten Beduinenfrau gehütet wird. Bis zum heutigen Tag hat sie 9 Nabelschnüre gesammelt, doch bis sie genug haben wird um eine Hängematte, ihr derzeitiges Vorhaben, daraus zu knüpfen, wird es noch dauern. Wenn ich mir die getrockneten Schnüre ansehe, wirken sie wie Erinnerungsstücke an die lebensnotwendige Funktion, die sie einmal hatten. Ein wenig fremd in der Wiener Wohnung.

Barbara Husar sagt, sie wolle in ihren Arbeiten, unter anderem, Kulturdaten der Frauen sammeln, deren Jahrtausendealte Tradition, vor einem baldigen Bruch stehe. Dabei grenzt sie sich deutlich von einer objektiv scheinenden Art des Aufbereitens und Dokumentierens von Lebensgewohnheiten oder Umständen des -Anderen- ab. Ihr aktueller Film astralskulptur ist sicherlich kein scheinbar nahtlos seine Bedeutungen kommunizierender Dokumentarfilm. Im Gegenteil: Husar hat keine Angst in ihren Arbeiten -multimediale Organismen- zu kreieren, die sich nicht auf den anderswo oft praktizierten rasch nachvollziehbaren Datenkonsum anderer Kulturen einlassen. Stattdessen zelebriert sie in Arbeiten wie astralskulptur die Subjektivität des Erlebnisses und lädt die Betrachter/innen dazu ein, an einem für sie wichtigen Punkt einsteigen. Für mich beginnt der Einstieg in ihr Universum dort, wo die Ebenen des Erlebens graphisch verknüpft werden. Wo kopierte Fotografien, zeichnerisch nachbearbeitet, koloriert und mit Stempeln und Wortfetzen versehen, eine Ahnung von der Vielschichtigkeit dieser Geschichte und der Zeitlichkeit von Husars -multimedialem Organismus- aufkommen lassen. Dezember 2007 schreibt Husar dazu:

DATA EXCHANGE ist installiert. ich habe sieben nabelschnüre gegen fördergelder, einen goldring und plastikplanen getauscht. eine herde habe ich erworben und dieser impuls pflanzt sich nun im uteralsten sinne fort und über den teich - und ist als lebendiger organismus wahrzunehmen, dessen datenfluss ich fortan prozessorientiert dokumentiere.

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euter

abnabelung und abhaengigkeit

erwin uhrmann, thegap, mai 2008

Der Mensch braucht Nahrung und Information. Und die Arten und Weisen, diese zu erzeugen oder zu beschaffen, das Wollen und das Haben, beschäftigen ihn seit jeher. Die intime Beziehung zwischen Mensch und Ding beschreibt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in seinem Buch ?Haben wollen". Sie führt unter anderem dazu, dass Menschen sich über Produkte definieren. Konsumsucht, Abhängigkeiten und Kommunikationsmechanismen verquickt Barbara Anna Husar mit Motiven wie Euter oder Nabelschnur. In der Arbeit aus der Serie -Udder- (Mixed Media und Stempel auf Kopierpapier, 2008, 29,6x21 cm) ist das übervolle Euter losgelöst vom Lebewesen, es verselbständigt sich. Und der Mensch in seiner existenziell nacktesten Form, als Skelett, lehnt daran und grübelt.

Dieses archaische Motivrepertoire der Abhängigkeiten mag aus der Beschäftigung Husars mit der Wüste und den Beduinen am Sinai in Verbindung mit urbanen Lebenswelten stammen, Zusammenhänge, welche die Künstlerin bereits seit mehreren Jahren in ihren Projekten analysiert. Da steht die Nabelschnur als Kommunikationskanal. Sie sichert den Datenfluss, der zum Überleben notwendig ist. Verbindet Außen mit Innen und damit völlig unterschiedliche Lebenswelten. Mit der Abnabelung stolpert man in ein Stück Freiheit, das sogleich von neuen Abhängigkeiten überschattet wird. Der überzüchtete Euter kann nun als Symbol für die Bedürfniserzeugung und -befriedigung gesehen werden. Muttermilch, die in der industriellen Produktion neue Bedeutung erlangt. Das Prinzip der Vervielfältigung, welches die Künstlerin auch mit Material und Technik - Kopierpapier und Stempel - thematisiert. Der Euter wird mit Eigentümerschaft versehen und jene, die Zugang dazu haben, melken ihn. Diese organischen Motive der Künstlerin implizieren damit den Hinweis auf eine natürliche Abstammung sowie den ebenso natürlichen Verfall.

Barbara Husar (*1975) studierte an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam und an der School of Visual Arts, New York. 2007 erhielt sie das Staatsstipendium für Bildende Kunst. Ihr Projekt ?Data Exchange? führte sie immer wieder zu ihrer Ziegenherde am Sinai. Die Nabelschnüre, die sie von den Ziegen erhält, setzt sie in ihrer Arbeit als Sinnbilder für Kommunikationsmechanismen ein. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Medien und hatte zahlreiche Ausstellungen in Österreich und international. Sie lebt und arbeitet in Wien.

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druckgraphik / crossover



F*** CROSS OVER, Galerie Chybulski, Feldkirch, Mai 2008


Stefania Pitscheider Soraperra


Waehrend das Video, das Sie oben empfangen hat, die Evolution der Schnallenmenschen zeigt, ist Husars aktuelle Arbeit hier unten ein druckgraphisches Crossover durch alle ihre bisherigen Schaffensphasen. Hier verdichten sie sich zu einem bunten Motivteppich. Viele von Barbara Husars Arbeiten stehen in Zusammenhang mit dem am Sinai lebenden Beduienenstamm der Tarrabeen, mit dem sich die Kuenstlerin seit über zehn Jahren intensiv auseinandersetzt. Im mehrjaehrigen Projekt Data Exchange thematisierte sie die kulturelle Bedeutung und Funktion von Nabelschnueren von Wuestenziegen, die zu Sinnbildern für aktuelle mediale Praktiken bzw. Kommunikationsmechanismen wurden. Dabei schuf sie eine Verbindung zwischen dem neurotischen Rhythmus urbaner Ablaeufe und dem archaischen Rhythmus in der Wueste. Die aus dieser Auseinandersetzung entstandenen Objekte, Blaetter, Bilder und Filme, lassen sich vielleicht unter dem Begriff -beduin popart- subsumieren.


Ueber die Jahre entwickelt Barbara Anna Husar ein Repertoire an Motiven, die wie aus einem Bausatz in unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen und neuen Bedeutungen zugeführt werden. Z.B. die Synapsen, die ihren Ausgangspunkt bei den in der Wueste gefundenen Schuhschnallen haben. Diese Schnallen machen eine Metamorphose durch. Sie werden zu Sinnbildern für Gehirnmechanismen. Wie die Synapsen im Gehirn sind sie Verbindungsglieder. Oder die Friteusenkoerbe, die als Drahtgeflechte zu grafischen Abbildern des Hirnnetzwerkes werden. Oder Euter, die juengsten Sinnbilder Husars, welche nach dem reichlichen Informationsfluss in den Nabelschnurdatenstraengen nun auf Ueberzuechtung und Konsumgeilheit gedeutet werden koennen. Ueberspendende Euter und manipulierte Variationen für melkgeile Konsumenten sind die verbindenden Elemente, sowie Schnallen, Fritteusenkoerbe und Nabelschnuere. Elemente aus all ihren multimedialen Projekten, wie beispielsweise Abbildungen ihrer eigenen Ziegenerde in der Wueste Sinai, welche fuer Husar in data exchange Nabelschnuere produziert , oder Pheromonproben aus der Ermittlung des Herdengeruchs der Wiener Netzkulturszene, die space pills aus dem happysynaps - projekt und viele witere Aspekte ihres Werkorganismus tauchen in vervielfaeltigender Weise auf. In immer wieder ueberraschenden Konstellationen lässt Barbara Husars lyrisch-kosmologisches Schachspiel neue Assoziationsketten und subjektive Querbezuege zu.


In der Zeichnung ist Husar in ihrem ureigensten Element. Ihr Duktus ist schnell, unmittelbar, dokumentarisch, sie zeichnet -aus der Huefte-. So gesehen ist die Zeichnung das für sie adaequateste Ausdrucksmittel. Damit bringt sie ihre Prozesse in Gang, sie dringt ueber das Zeichnen in inspirierende neuronale Regionen vor, ein Leitthema, das sie lange begleitet hat. Eine weitere, vorkonfektionierte Ebene kommt aber hinzu: Ihr Repertoire an Begriffen und Motiven wird zusammengefasst und durch das Medium des Stempels eingefroren. Sie zitiert sich selbst und geht so weit, die eigenen Zeichnungen zu reprographieren und mit dem Begriff ?Originalgraphik? abzustempeln, ein koketter Umgang mit den Wertevorstellungen des Kunstmarkts. Durch die neue Technik findet Husar zurueck zu ihrem eigentlichen Ausgangspunkt, der Grafik. Die Stempel werden zu einer visuellen Sprach- und Bedeutungsmaschine. Neben gestempelten Motiven finden wir Begriffe wie Teilchenbeschleuniger, Pheromonprobe, Kopierrausch

Die einzelnen Wörter bzw. Codes entwickeln in den neuen Collagen eine Metaebene aus Assoziationsketten, Schlagworten, Variationen. Husar würfelt ihre Grundmotive zusammen und spuckt sie in endlosen Kombinationen wieder aus, sie modifiziert sie, legt sie übereinander, koppelt sie und führt sie in immer neue Zusammenhänge.

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oel auf pvc

interview mit landschaften zwischen den gedanken

la lena lee, 2007


Worin sichtet sich der Basisnerv in diesem Landschaffen?


Öl-bildlich sprechen impressionistisch gepinselte Pixel von Intensivimpression, zeigt b*Husar ihr SecondLife innerhalb ihrer neuronal gemalten Mindmap, Outtaspacefeeling kommunizierend, dicht komprimierend hell-dunkle Kompositionsaspekte, prämierend in Situationsaufnahmen facettenreiche Lichtstimmungsminimomente, befindlichkeitsübermittelnd visuAlleindrückliche Wüstenraumexperienza in Spaceshots durchs alldurchdringende Fenster.


Was passiert mit dem Nervensystem, wenn du dich in offener Raumhülle erlebst?


Im gebo(r)genen Hirnlabyrinth verbirgt sich nach ein paar Tagen nur noch Ockersand, hellgebranntes Umbra und einhüllende Himmelsbläue in diversen Nuancen, findend den Neuroweltnabel in der Ruhepool-Erfahrung gegenüber den Polaritäten mitsamt anklingendem Informationsunflussgenuss, ohne Schnickschnack, am Kamel mit Wasserkanister knackend Peace-for-the-brain-Dimensionen, worin die Sonne das Zeitliche segnet, als plötzlich neue Stimuli im NeuronAll auftricksen, auf dass Empfindlichter gleitendes Raumgefühl sichten, abdriftend in die Reinweite der Neuhybridpisten.


Wie reagiert die Nervenzelle auf vielverwobene Offroad-Ebenen?


Über Unschärfe in Relation festhaltend am Eintauchen in die Anhaltspunktlosigkeit der Prachtpuristik zoomt sie sich rein rein, Ebene für Ebene, ohne Ende, raus aus sich selbst - und mitten drin, im Moment ihres geschwind schwebenden Dahinschwindens, verschwindet auch die Zeit im Bildraum. Man glaubt es kaum, da hat die schnallende Zelle an der Schatzschwelle abseits von Vergangenheit und Zukunft doch glatt den Absprung ins Gemälde des Zufluchtsorts gewählt, und zwar zeitversetzt punktgenau jetzt.


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data exchange

offroad auf der Nabelspur

by la lena lee,2007

Im Rahmen ihres momentanen Projekts auf der Spur der Nabelschnur und ihrer Bedeutung, begab sich Barbara Husar alias Aida Gallactica, wie erstmals vor zehn Jahren, in diesem März wieder auf eine Reise in die Wüste Sinai, wo Sinnfluten aus einer mittlerweile sehr nahe stehenden, einst fremden Kultur, überliefert durch befreundete Beduinen und die Natur selbst, durch ihr Bewusstsein strömen. Aidas Faszination für die Nabelschnur liegt in der Kraft dieses sowohl in sich vernetzten als durch dieses Projekt äußerlich vernetzenden Datenstrangs, der zunächst im Körperinnenraum, durch Informationsfluss genährt und nährend, Lebensentstehung ermöglicht, bevor die Nachaußenwendung mitsamt der Abnabelung unabhängiges Dasein hervorbringt. Durch ihre Idee, von Beduinenfrauen vor Ort Nabelschnüre von deren Schafen und Ziegen zu bekommen, um diese in Europa neu zu inszenieren, wird die Bekanntwerdung mit sowohl dem organischen Objekt als auch dessen Abstammungskultur befördert sowie im Großen und Ganzen belebender Datentransfer zwischen kulturell unterschiedlich geprägten Netzwerken erlebt.

Der Nabelschnurspagat zeigt die beidseitige Andockung zwischen einerseits der Ursprünglichkeit von naturverbundenem Leben in der Wüste und andererseits dem technologisierten Stadtleben, das sich durch Information im Überfluss auszeichnet, während die wohl größte Wüstenqualität in der Stille geborgen liegt. Versorgt mit dem lebenswichtigen Nährstoff der inneren Ruhe, transportiert Aida also nicht bloß die organische, sondern auch eine bildlich komplexe Datenmenge in einen neuen Kontext, in dem zwar sprichwörtlich bekannt ist, dass in der Ruhe die Kraft liegt, aber oft hektisch darauf vergessen wird. Sowohl mittels einer audiovisuellen Dokumentation in Form eines Offroadmovies und digitalen Fotographien als auch durch Malerei als Medien, wird das Speichermedium Nabelschnur als Verbindungsglied durch das Schaffen von Husar, zusammen mit dem um sie entstehenden Netzwerk, in Kunstkreationen eingebettet, die in Empfängern neue synaptische Verbindungen offenbaren können, wenn sauerstoffsaubere Wüstengesteinsluft dicke Smogluft frei bereinigend belüftet.

Schon bei ihrer Recherchereise im Jänner dieses Jahres hatte sie ihrer namensgleichen Freundin Aida im Sin(n)ai von der nabelschnurrenden Idee erzählt und sie gebeten, bei der Geburt der nächsten Herdenbabys die Nabelschnüre für sie aufzubewahren. Anfänglich herrschte Skepsis, ob es auch im Namen Allahs erlaubt sei, dieses neue unkonventionelle Handelsgut zu etablieren, denn wie die arabische Bezeichnung habel surri, was soviel bedeutet wie 'geheimnisvolle Schnur', verdeutlicht, beinhaltet diese als Stück Seele etwas heiliges.  Aber tatsächlich, der Austausch der in Wind und Wärme getrockneten doppelspiraligen Stammzellenkomplexe in Form von acht Nabelschnüren hat sich bewahrheitet. Sieben der Schnüre wanderten nun spürbar mit ihr durch die Welt, während eine, gleich einer Opfergabenspur im Sand zurückgelassen, sich mit Mutter Erde wiedervereint. Auch der Atem von Gaja wird in den importierten Lebensspendern sichtbar, wenn man so will, ebenso wie das Wunder des Gebärmoments sich in den Datenkabeln von Nabel zu Nabel manifestiert.

Aufeinandertreffen verbindender Weisen dergleichen sind auf solchen Reisen wohl Zeichen richtig gestellter Weichen. Ein BeiSpiel dafür fiel auf Aidas letztem Trip wie vom Himmel, als sie auf offenem Offroadgeröllfeld spontan mit einer bejahrten, allein mit ihrem Eselgefährten und ihrer Herde lebenden Beduinenfrau in Schleier lüftenden Kontakt kam, um folglich in hilfreichem Tausch für Nährstoffversorgung, finanzielle Unterstützung und ein Planendach überm Kopf, eigene Ziegen zu beziehen. Daraufhin erlebte Aida selbst hautnah, wie es ist, Hirtin einer kleinen Ziegenherde, bestehend aus drei Mutterziegen und zwei kleinen Nachfolgern, zu sein. Letztendlich übergab sie ihre Tiere in die Obhut einer weiteren äußerst heiteren Herdenhüterin. Aidas eigene kleine Herde dient nun als ihre naturelle Datenstrangfactory, um wie am fließenden Band ihre Nabelschnurproduktion zu sichern, und bestärkt gleichzeitig die Verbindung zwischen Lebensräumen. So ist die Nabelschnur - als Stammzellennetz und ursprüngliches Medium der Datenspeicherung - selbst Netzteil, das die digitalisierte Welt der Netzkultur neuer Medien an die Natürlichkeit des originalen Informationsspeicherns erinnert. Wie fühlt sich wohl eine Wüstenziege, die von einem Ort zu einem anderen transportiert wird, um die Lebenswelt einer anderen Herde dieser Erde kennen zu lernen? Auch wenn dem Tier der bewusste Umgang mit dieser Transporterfahrung vermutlich nicht möglich ist, symbolisiert diese Frage eine Thematik, die in dieser Welt zunehmender interkultureller Begegnung von immenser Wichtigkeit ist. Aida manifestiert durch ihre Projekte Brücken, die unterschiedliche Räume kommunikativ verknüpfen, vergleichbar mit der Nabelschnur, die im Mutterbauch zwei Wesenskreisläufe in Einklang bringt. Sieht man den Kosmos als den Uterus des Menschen, begibt man sich in eine weitere Dimension, in der man die eigene tiefe Verbindung zum Nabel der Welt genießen kann, wie beispielsweise in einer real erfahrenen Vision einer Vollmondscheinschnur zwischen dem sternbeleuchteten All und dem Nabelandockpunkt im eigenen Kern. Inmitten beflügelnder Felshügelpracht, die Weite im Außen ebenso ertastend wie die klingenden Saiten im Innern, fühlt sich's wie neu geboren, pur abspeichernd die auserkorenen Gebärensmomente, hoffend auf offene Ohren für neue Elemente und ein innehaltendes  Laufen wie am Nabelschnürchen.
ImSchAllJa.

 

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data exchange

anna rabbel, february 2007

der rote Faden im schaffen husars zoomt unseren Blick nun in die nabelschnur als datenstrang. dabei dreht es sich um das fliessen von information, das in den nabelschnueren von wuestenschafen seine kunstkoerper findet. die beschaffung des neuen materials (nach schnallen und fritteusen) verbindet die archaische wuestenwelt mit dem informationssmog des westen und wird somit zum kunstakt, schaffend den nabelschnurspagat.

beduinenfrauen aus dem stamm der tarrabeen/sinai, die alleine mit ihren Schafen in den wadis leben, erhalten mit dem projekt data exchange die moeglichkeit ein neues handelsgut und eine schnittstelle fuer die kommunikation mit anderen kulturen zu etablieren. aufgrund des seit ueber 10 Jahren gepflegten nahverhaeltnisses der kuenstlerin zu diesem stamm, war die resonanz auf die erstbesprechung vor ort im januar dieses jahres gut. obwohl zweifel darueber besteht, ob allah diesen handel erlaubt, weil es fuer die tarrabeen ein stueck seele ist, wurden doch von einigen frauen aufbewahrungsgefaesse angenommen, um die moeglichkeit zu haben, sonnengetrocknete nabelschnuere fuer das projekt zu sammeln. unerwartet hoch wurde jedoch der preis dafuer ausgehandelt, und zwar hundert aegyptische Pfund pro Datenstrang, was ungefaehr dreizehn euros entspricht. auf ihrer naechsten expedition im maerz plant barbara husar auch eine kleine herde von schafen zu kaufen, um in dieser wuestenwelt stammzellen exklusiv fuer data exchange produzieren zu lassen. auf dass die nabelkabel in ihrem neuen kontext spannende geschichten uebertragen moegen.

 

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bella prinz ueber barbara husar 2006

die bedeutung von husars repraesentanten entwickelt sich aus dem gravitationsfreien kontext,
den sie in unterschiedlichsten konstellationen durchweben und beschweben.
nervenzellen, meteoritenfallen, schnallen, synapsen, fritteusen, leiterplatten, happy synappys,
rezeptoren, pheromone, gebaermuetter, peruecken, sandkoerner und nabelschnuere entkonditionieren
bei ihren begegnungen die illusion der trennbarkeit.
ueber die zeichnung, am liebsten auf ausgedehnten wuestenreisen werden neue perspektiven
und zusammenschnallungen erforscht.
diese erfahrungen werden zu botenstoffen der realitaeten und eingebettet in olfaktorische
skulpturen, neuronale dinner, frittierte malereien, installation und performance.

von meteoritenfallen in nervensystemen und neuronalen dinners auf gebaermutterplaneten

das schaffen husars betrachtend, begegnen einem auf diesen bahnen netzwerke unendlicher
verbundenheit mit allem was so kreucht und fleucht.
alles ist eins und parallel individuell.
grenzenlosigkeit die nicht im ueberschwenglichem verderben des uebertreibens endet,
rhythmisierendes weiterwandern ohne eile und stress.
die urmutter ist ueberall praesent, die maennliches nicht feministisch zu durchleuchten braucht,
da polarisierendes und patriarchales an anderer feuerstelle hockt.
die zusammenschnallungen berichten vom einklang des sandkorns mit synthetischer kunstfaser.
wie bella sutra mit franz kafka in orgiastischem beischlaf weilend;
niemand ist ausgeschlossen sich anzuschnallen.
die informationen sind frei wie die koordinaten unseres seins;
bereit sich zu oeffnen fuer die, deren eingaenge zugaenglich sind,
ebenso fuer jene die nicht schneeschaufeln fuer ihre neurotransmitter.
chemisches urmaterial weilt wie yogi in jedem zellkern,
gebaermutterplanet ist membranrezeptor im universalen organismus.
alle erfundenen, selbst gebastelten vorstellungen und tatsachen sind herzlichst eingeladen
sich neu zu definieren. das verhaeltnis zu den dingen wird nicht mehr angeschnallt.
kommuniziert wird geraeuschlos, durchsichtig, durch vergangenheit und zukunft gewoben
und nicht entgegengesetzt.
hinter dem auferzogen, konditioniert kultiviertem dehnt sich das sein.
unsichtbar, pheromonial lockend, lockt durch sich, facettenreich frittiert, feinstofflich stimuliert
es ist schon seit ewigkeiten eingespielt.

bella prinz, wien 2006

 

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BACKUP

herr schellenberg ueber barbara husar

palais thurn & taxis,bregenz,im januar 2006

barbara husars arbeiten sind angereichert mit einer vielzahl an informationen. diese werden assoziativ verknuepft,verwertet und erreichen eine medienuebergreifende komplexitaet, welche sich dem betrachter als expandierendes,in sich durch unzaehlige querverweise stabilisierendes netzwerk erschliessen kann. es gilt einzutauchen in ein universum und dem neonpinken faden zu folgen. erfahrungen werden lesbar, konditionierungen ueberprueft,aesthetik steht in staendiger korrespondenz mit synaptischen orgasmen.

lehnt diese vorgehensweise doch an der datenverabeitung an, dem streben nach megapixel und gigabyte,liegt ihre thematische urspruenglichkeit dennoch an kleinen quellen fernab des informationszeitalter.im neuzeitinformationsvakuum der wueste bedarf es sensibilisiertem instrumentar um zu erfahren was an qualitativen und quantitavien information seit millionen von jahren vorliegt. in religionsstiftender laune erschafft husar die schnalle zur universellen methapher, erhebt diese simple verknuepfung zum traegermaterial fuer metaphysische und neuronale prozesse und wird zum ersten fixstern in ihrem schaffen. die ebenso in den grossen sandkisten erfahrene expansion in den raum und der integration der weite in das innerste manifestiert sich im oelzyklus landschaften zwischen den gedanken.diesem bewusst unbewussten fliessen steht ein kommentierter schnallenzyklus ueber die gedanken zwischen den landschaften gegenueber, dem big buckling book, ein perspektivenwechsel im fuer barbara husar typischen innerprozesslichen akt der reflexion. die buntgemischten feingliedrigen druckgraphiken auf tschickschachteln dienen als tickets auf der reise offroad im hirn.

ueber die simplifizierung allem terrestischen in neuronale vorgaenge erschafft sie die cyberspacehebamme, diese in die welt bringende transformatorin des gedankenraums. sie offeriert zur feinstofflichen neuronalen stimulation happy synaps,entkonditioniert fritteusen in mehrdimensional zusammengeschnallte netzwerke um damit meteoriten zu fangen und laesst die gebaermutter (receiver station) schweben,eine olfaktorische textilskulptur mit erhobenen eierstoecken, nach maigloeckchen duftend, moeglicherweise auf der suche nach einem neuen planeten.

die plastikerin bedient sich in diesem backup aller unserer aufnahmefaehigen zellen um jene multidimensionale skulptur zu schaffen die schlussendlich ihre arbeit auszeichnet. barbara husar versteht es lesbare inhalte zu konzipieren, mit ungleicher leichtigkeit meistert sie thematisch das menschliche dasein in all seinen facetten und fuehrt so die urspruenglichste aufgabe des kunstschaffens in unsere zeit.

 

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Frittoesen im Fitflug

lena lee 2006

Die Medien sind in Aufruhr. Zunaechst glaubte man weitgehend an die Sichtung einer neuen Spezies unter den unbekannten Flugobjekten. Doch dann blickte man hinter die ersten Schlagzeilen ins Detail und erkannte, dass es sich wohl eher um untypische Frittoesenorgane handle. Physikalische Messungen haben ergeben, dass diese offenbar schon laenger, aber zuvor unsichtbar, ihre Kreise zogen. Es war den Menschen ein Raetsel, wodurch und weshalb die Galaxiegefaesse sich nun ploetzlich zeigten, bis Aida Gallactica, Cyberspacehebamme aus Passion, ihnen Zeichen kommunizierte, die eindeutlich machten, wer dahinter steckte. Einst hatte sie Zeichnungen angefertigt, was wohl den Impuls gegeben haben duerfte fuer die fritteusiale Existenz am Firmament.

Wie kam sie nun auf die Idee, ihre eigenen Netzwerkapparaturen im All zu installieren? Alles begann mit einer Frage, die ihr eines Morgens noch halbtraeumend in die Sinne kam: "Wie, meine lieben Druesen, doest es sich wohl in Frittoesen mit Duesenantrieb?" Unmittelbar griff sie zu Kreide, Aquarell und Papier, statt, wie ueblich, zu ihren Beduinenfreunden im Universum nebenan zu kamelieren, um mit ihnen am Lagerfeuer zu fruehstuecken. Anstelle dessen platzierte sie Feuer in die ersten FlugFrittoesen. Bald folgten ihre Nachbarn aus der Wueste und sie selbst durch ihre eigenen Finger, benachbart von einer kosmischen Renaissanceschaukel, worin sie nackt mit Fluegelrand als Henkel nebst zwei Zylinderstadtherren wippt. Und es ueberkam sie der Floh.

Sie bekam Lust auf Baden in heissem oel ohne Vorwarnung statt einem Sprung in kaltes Wasser und mehr Bruzelbruzelburzelbaeume. Ob auf Sternwandeln in Frittenschwingen oder auf Kamelfiakerfahren, ob auf Trachten frittieren als Walsergirl oder auf sich, als schwebyogander Jesus in Adamminiatur, balancierendam Rand vom Paradies, ihre Entscheidung fiel schlichtweg auf Frittoesensightseeing an Schnittstellen, so wie sich Gondoleuse Ave geschaffen hat. Sie waehlte - die Nummer der Funkzentrale fuer Hyperraumgestaltung zur Verbreitung im Wordwideweb.

Die Auffangnetze innerhalb des Metaversums weit hinter den Sternstaubtaelern lieben es zu sieben. In einem schaukelt angry angel angelo, um seinen Schrott durch die Filterung entflaeuchen zu lassen, denn Frittoesen sind bekanntlich wie durch- auch zuverlaessig. Im naechsten Streich begann das Spiel fuer meteoritische Frei(f)lieger, die automatisch vom jeweiligen MeTaoRitenNetzwerk angezogen werden, frei nach dem Motto "einfach fallenlassen, dann faellt´s dir schon ein."

Sozusagen im sozialen Netzwerkwahn faedelten sich immer mehr sKultpourelle Skulpturen ein, kommunikative Knuepfungen aus goldenen Draehten, hauchduenn wie Netzhaeute, die umdrehen statt abdrehen, eindrehen statt durchdrehen, in lichtgeschwindigkeitsschnellen Umdrehungen pro Pixel. Zwischen den intergalaktischen Frittoesenplaneten blinzeln sich lichtfasrige Verbindungsfaeden blinkend zu, empathisch empfangend und sendend zur gleichen Augenblicklichkeit. Bestehend durchaus Hybridspaces, sind sie als Naehmaschinenmetanetze Buehne des Sammelgeschehens und jedes Gefaess ein geborgen abgeschlossenes Frame mit an sich gutem Empfang, Hirnspintogramme, die auch interfritteusial in Trance agieren, weil einst die Wichtigkeit geschnallt, nach Erhitzung einzutauchen.

 

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Stefan Lutschinger und Jan Lauth 2005

"Phaenomenologie des unwahrscheinlichen Objekts - happysynaps in the 5th dimension"

“The power will be sent into a power-media-modem witch can translate or
change it – into energy production for brainwaves: to make love, peace, war,
time-shifts and intrapersonal brain connections.”

Hinter dem Label happysynaps steht die Plastikerin Barbara Husar.
Ihre "unwahrscheinlichen Objekte"
nehmen in der oesterreichischen Skulpturenlandschaft eine Sonderstellung ein.

Fuenf Saetze zur Meteoritenfalle

1. Objekte, deren Unwahrscheinlichkeit im Operativen festgestellt werden,
sind oft in der vierten oder fuenften Dimension angesiedelt.

2. Oft ist es Kunst – manchmal sind es allerdings auch Skizzen
zukuenftiger medialer Apparaturen, die den Status eines Art-Prototypen erlangen.

3. Diese Skizzen von Sender und EmpfaengerInnen der 4. und 5. medialen
Dimension, also der medialen Ebene der nonlinearen Zeitmedien und der
medialen Ebene der AI, sind also zu verstehen als Entwuerfe von
Kommunikationsmitteln oder kuenstlichen Sinnesorganen.

4. Solche haben wir bereits vor ca. 80 Jahren erlebt, als
Installationen und Zeichnungen auf Papier von den russischen KonstruktivistInnen wie
K. S. Malevich oder L. S. Popova , aber auch schon viel frueher, wie z. B.
Entwuerfe fuer Apparaturen und auch deren skulpturartigen aber auch praktischen
Prototypen zur Eroberung der 3. Dimension bei Leonardo da Vinci.

5. Mit der Arbeit der Meteoritenfalle haben wir eine solche Skizze fuer
Empfangs- und Auffangapparate, welche zur extraterrestrischen
Energiegewinnung verwendet werden.

Wien 2005 ©

 

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Von Synapsen und Meteoritenfallen

Stefania Pitscheider Soraperra, Juni 2005
Zum Werk Barbara Anna Husars

Schloss Gayenhofen, 2005

Einer der wichtigsten Gestalter des 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt:
"in die wueste gehen ist in den hochkulturen ein akt der reinigung, selbstvermessung, der verhaltensdisziplin und der schaerfung des denkens. [...] die wueste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen duenen, man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengaenge. im gehen veraendert sich die landschaft von bild zu bild. es veraendert sich auch der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dort hin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwuerfe." So Otl Aicher, jener Grafik-Designer, der in den 70er Jahren die Piktogramme erfand, Initiator der Ulmer Hochschule fuer Gestaltung war und Lufthansa, ZDF und den Olympischen Spielen in Muenchen ihr einpraegsames Erscheinungsbild gab.

Und Selbstvermessung, Verhaltensdisziplin und Schaerfung des Denkens stehen auch am Anfang der Geschichte dieser Ausstellung. Vor zehn Jahren beginnt Barbara Anna Husar, regelmaessig ueber laengere Zeitraeume in die Wueste zu gehen. Sie macht Bekanntschaft mit einem Beduinenstamm, auf ihrem eigenen Kamel bereist sie die Halbinsel Sinai.

Die weite Offenheit der Wueste, das Fehlen eines Daches ueber dem Kopf, das Leben auf Tuchfuehlung mit Naturphaenomenen und die Abwesenheit des Urbanen machen sie empfaenglich fuer Raum, Licht und Texturen. Objekte, die in einem anderen Kontext moeglicherweise nicht auffallen wuerden, ziehen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vor allem die vielen verlassenen und vergessenen Schuhe, die man oft in der Wueste findet, haben es ihr angetan. Sie sind vergilbt, verformt, verbogen. Und: Meist haben sie Schnallen.

Ausgehend von eben diesen Schuhschnallen entsteht eine lange Werkreihe. Dabei machen die Schnallen eine interessante Metamorphose durch. Sie werden zu Sinnbildern fuer Gehirnmechanismen. Wie die Synapsen im Gehirn sind sie Verbindungsglieder. Zur Erinnerung: Eine Synapse ist die Vebindungsstelle zwischen zwei Nervenzellen. An ihnen wird die Informationen zwischen den Zellen ausgetauscht bzw. die Erregung von einer Zelle auf die andere uebertragen. Das heisst, eine Synapse ist ein wesentlicher Teil des Netzwerkes im Gehirn. Die Synapsen werden auch zu einem wesentlichen und immer wiederkehrenden Motiv in Husars Zeichenwerk.

Aus dem Blickwinkel von Netzwerken gesehen, ist der Schritt von den Schnallen und Synapsen zu einem weiteren wesentlichen Element von Husars Zeichensprache nicht weit: den Friteusen, die seit 2005 in Husars Oevre verstaerkt auftauchen. Friteusenkoerbe sind Drahtgeflechte, sozusagen ein grafisches Abbild des Hirnnetzwerkes. In einem laufend fliessenden Prozess werden sie zu Behaeltern, Auffangkoerben, Balanciergeruesten, Kopfbedeckungen, Gefaengnissen.

Dabei werden gewohnte Sichtweisen entkonditioniert, die Bildelemente in absurde Kontexte gestellt. Beim Trachtenpaar wird die Friteuse zur Gondel, ein nackter Maennerakt, der Christusdarstellungen zitiert, balanciert auf dem Korb, die beiden Yogis werden durch die Friteuse, die hier das worldwideweb symbolisiert in Bezug zu digitalen Medien gesetzt, der Froschprinz tritt gedoppelt auf und stellt eine etwaige Prinzessin vor eine schwere Wahl.

Aus Edouard Manets "Dejeuner sur l herbe" wird ein variantenreiches Fruehstueck im Friteusenkorb, an dem wechselweise drei nackte Frauen oder eine nackte Frau mit zwei Arabern, oder mit zwei Juden oder mit einem Araber und einem Juden zusammen sitzen. Dabei geht es Husar nicht so sehr um ein politisches oder feministisches Statement, sondern um die Schaffung eines absurden Szenarios, das viele subjektive Interpretationen zulaesst.

Entscheidend ist der Zeitpunkt der Darstellungen im Friteusenkorb. Ueber jedem Friteusenbild haengt, wenn man so will, ein Damokles-Schwertchen: Es sind Momentaufnahmen der letzten Augenblicke vor dem Eintauchen in das heisse Oel, das die dargestellten Szenen - woertlich gesehen - einem Stoffwechsel unterziehen wird. Es ist ein fast schon zynisches Memento mori, eine Erinnerung an die Vergaenglichkeit.

Ganz neu entstanden sind die Radierungen, in drei Motiven und zwei Auflagen a 25 Stueck, die einmal mehr die Wuestenerfahrungen der Kuenstlerin reflektieren. Von Beduinen hergestellte Zeichnungen wurden auf Druckplatten uebertragen und mit eigenen Motiven aus dem Vokabular der Kuenstlerin, auf das ich gleich noch kommen werden, verbunden.

Ueber die Jahre entwickelt Barbara Anna Husar ein Repertoire an Motiven, die wie aus einem Bausatz in unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen und neuen Bedeutungen zugefuehrt werden. Immer wieder finden wir sie, die Fallschirme, die Space Pills, die Schnallen und Friteusenkoerbe, die Yogis, und dann die Kamele, Orchideen, Nervenzellen, die Peruecke, das Trachtenpaar, aber auch Ameisen, Leiterplatten, Sternenkarten, Handtelefone und die sog. Fluegelschwaenze. Dann der Froschprinz, dessen Zehen stempelartige Spuren hinterlassen und synaptische Formen haben. Und seit Kurzem finden wir auch Zitate, die beruehmten Bildern der Kunstgeschichte entnommen wurden: Manet wurde schon erwaehnt, aber auch Fra Angelico, Jacques-Louis David, Botticelli, Rubens werden zitiert und ironisch kommentiert.

Mit diesem Motivvokabular spielt Barbara Anna Husar - wie es Mario Terzic formuliert hat - ein " lyrisch-kosmologisches Schachspiel", oder - profaner - sie bewegt sich in einem Supermarkt der Motive, die unzaehlige Assoziationsketten und subjektive Querbezuege zulassen. Abhaengig von Tagesverfassung und Befindlichkeit des Betrachters/der Betrachterin wird deren neuronalen Netzen die Wahl ueberlassen. Gefuettert wird dabei auch die Kommunikation mit anderen BetrachterInnen und es wird spannend sein zu sehen, was heute Abend hier entstehen wird.

Viele Systeme sind normalerweise in einem ungeordneten Zustand. In Synergetik und Chaostheorie kommt es auf die Ordnungsparameter an. Das heisst, es geht um das Zusammenwirken vieler Elemente und um die Selbstorganisation von Systemen. Dabei spielen Laengen- und Zeitskalen eine entscheidende Rolle. Wenn zum Beispiel ein Baby die Sprache eines Volkes erlernt, die ueber Jahrhunderte gewachsen ist und sich ueber den Zeitraum eines Menschenlebens nur langsam veraendert, ist die Sprache ein Ordnungsparameter. Das Baby selbst, das sich in diese Sprache einfuegt oder einfuegen laesst, ist das kurzlebige Teilsystem. Bei Barbara Anna Husars Werk ist ihre Arbeitstechnik von entscheidender Bedeutung. Sie ist die Quintessenz ihrer Wuestenerfahrungen. Zahlreiche uebereinander gelagerte duenne Oelschichten ergeben eine sphaerische Oberflaeche, die die Raum- und Lichtsituation aus der Wueste auf Finnplatten bannt. Sie wird zur Basis fuer Bleistiftzeichnungen und aquarellierte Gebilde. Diese Oberflaeche ist der Ordnungsparameter, die einzelnen Motive sind die Teilsysteme, die zu seltsamen selbstorganisierten Systemen zusammenfinden.

Laut Aristoteles hebt sich ein Kuenstler erst in einem Dreiklang aus Fertigkeit, Denken und Phantasie aus dem Kunstschaffen hervor und wird auf eine hoehere Stufe der Einsicht gestellt. Und gerade eine unbaendige Phantasie scheint hier ihre schoepferische Kraft zu entfalten. Die Phantasie als das Vermoegen des Geistes, Anschauungen in freier Weise zu reproduzieren, sie mit Vorstellungen zu verbinden und umzugestalten, die Phantasie als das, was in der Psychologie als "Denken in Bildern" bezeichnet wird und sich vom logischen Denken durch ihre sinnliche Lebendigkeit unterscheidet. In Verbindung mit Ironie und Humor, Faktoren die in Barbara Anna Husars Oevre zwar nicht vordergruendig intendiert, aber allgegenwaertig sind, entsteht hier eine Bilderwelt, die fesselnd, verschluesselt, geheimnisvoll und zugleich immens erfrischend ist.

Heute Nacht und fuer die Dauer der Ausstellung wird die Kuenstlerin ihren surrealen Schutzmantel ueber Bludenz spannen, um uns mit ihrer schwebenden Meteoritenfalle im Hof vor drohenden au§erirdischen Gefahren zu schuetzen.

 

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Herdengeruch - Diether Lenhart 2006

Osmophore Gnosis

Doxa und Episteme, urphilosophische Verschraenkungen quantenrelevanter Wechselwirkungen unterliegen der Illusion theistischer Herdenzwaenge. Doxa, individueller Mangel-Imperativ von Informationsdefiziten behindert epistemologische Prozesse. Der osmophore Charakter individueller Emotionssezernierung exogenen und endogenen Ursprungs, bleibt durch thalamische Unterdrueckung unbewusst wirksam. Nietsches `physiologische Fuehlhoerner´ und Oliver Sacks `Hundenase´ zeigen das erstaunliche Potential des osphresiologischen Vermoegens. Welche olfaktorische Matrix ist frei von Ideologie, ein Panazeeum globaler Notwendigkeit?

Olfaktotum

 

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happysynaps - lena lee 2004

HappySynaptic Cosmic Comic Headliners

Kosmisierte Menschenspezies : Aida Galactica

Spezialisierung : Hyperraeumliche Geburtshilfe

Existentielle Aufgabe : Wiederbelebung durch Schnallung

Praeferierte Hilfsmittel : HappySynaps-[T]raumkuegelchen (kurz: HappySynappys)

Kurzmitteilung an Dein Du :

Zur Optimierung der beschnallten Spur, stoffwechsle dich gut
und Deine Botenstoffe werden tanzen.

Seit Menschen gedenken, nahmen die Fantasten sie (in sich) wahr, die gebaermutterplanetaren Brueckenbauer zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Aussen und Innen, zwischen Wach und Traum, die Wundermittler zur galaktischen Reinkarnation. Im Namen aller irdisch aktiven Cyberspacehebammen des Kosmos der wesentlichen Freiheit, wird in diesem Wortkomplex eine Erlebnis-Skizze ihrerseits gerissen, worin ihr praeferiertes Hilfsmittel, die HappySynaps-[T]raumkuegelchen, goldene Schluessel auf dem Grund darstellen, womit die Tore sich oeffnen lassen, wenn man sich nur zutraut das Instrument aufzuheben, einzunehmen und umzudrehen.

Die biochemische Beschaffenheit eben jener Stimulatoren, koennte der Einfachheit halber mit tortenverziehrendem Zuckerstreusel gleichgesetzt werden, jedoch beinhalten die Teilchen auch eine biophysische Komponente, die der Komplexizitaet halber nicht zu uebersehen ist: Die Zuckermolekuele in den diversen farbenfrohen Formationen werden von Aida mittels Kristallgeoden wuestenenergetisch kosmisch belichtet. Hebammisch aufgeladen bilden sie somit unsagbar reiche Energiespendern fuer unserereins, denn Sonnenlicht bewegt Endorphine zum Tanzen, um noch offene Aspekte von Allem im Alles mittels synaptischer Aktionen zu absorbieren. Es handelt sich folglich um feinstoffliche Wellenbewegungen, die Deine Beziehung zur Schwerkraft perfektionieren, ebenso wie sie neuronale Infrastrukturen befoerdern, wodurch die Empfindungen des Herzraumes seelig die Mauern sprengen und traeumende Transmitter in heiterer Gelassenheit zielgerichtet ihre Bahnen stabiliseren.

Doch womoeglich ist der Mensch nicht bloss sein hoechst persoenliches Nervensystem. HappySynappys sind Sinnbilder der Beherrschung der Dinge, die wir irrten nicht kennen zu koennen. Sie spiegeln uns antwortend jene Wunschvorstellung in die Sinne, in unser selbstiges System eindringen zu koennen, uns demnach - angesichts der wiedererlernten Faehigkeit unseren Willen von jenem intersubjektiven Selbst aus selbst zu bestimmen - in transpersonaler Schwebe zu eigenem und fremdem Wohle zu transformieren.

Sei's wie's sei. Jedenfalls ermoeglicht eine HappySynaps-Induktion den wartenden Schnallen, den dazugehoerigen Teil zu finden und anzudocken, woraufhin, als waeren sie nie getrennt gewesen, der Energiefluss der Zentralachse Hara ungehindert konzentriert weiterwellen will, waehrend die Nabelschnuren zu den Selbsten sich in Windeseile regenerieren und zur Optimierung der Schnallung ein Freifuehlen von realitaeren Irritaionen ins Leben rufen.

Damit ist der Zugang zum kosmischen Konzept kolossalen Ausmasses gesichert, zurueck hinter der Zeitlichkeit, wo rein Rhythmus die Schwingung wirklicht, wo Eierstoecke ihre Arme heben statt senken, genaehrt anhand galaktischer Lichtwuesten, wo weichbehufte Vehikel namens Cam Dich von einem visionierten Ort zum naechsten geleiten, wo gekuesste Froesche sich als Flugschwaenze entpuppen, welche die Erleuchtende euphorisch umschwaermen, wo die Schnallen die ueberhand behalten, um vermittelnd zu verknuepfen was einst entzweit aus dem Lot schwankte, wo seelige Freiheit mittels ausgek(l)uegelter Informationsverarbeitung die Egozentrik der wahnsinnig machenden Scheinsorgenfuelle entlarvt.

Die Zahl der momentan auf dem Planet Erde aktiven Aida Galacticas zur Transformation von Stressfaktoren, laesst sich schwer schaetzen. Doch da sie sich in hyperraeumlicher Geburtshilfe spezialisiert haben, ist anzunehmen, dass sich all die schon existierenden ultimativ idealisierten Wiederbelebenden zukuenftig rasant vermehren. Auf dass die Flugschwaenze im Reigen wie all die Mittler Wirkung zeigen, solange Schnallen Schnallen schnallen, surrend auf geschnallter Spur.

 

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Einfuehlende Worte zum BIG BUCKLING BOOK

Aida Galactica Offroad - Lena Lee 2004

Vor dem Bild war die Wueste

Die weichbehuften Sandalen des ehrenwerten Vehikels welches mich reiste, stolperten nun ploetzlich fast ueber dies zahlreich auftauchende Partikel in unserer Umlaufbahn: isolierte Schnallen, ueberbleibsel besuchender Treter, die vorstellungskraeftig vermoegen zu schnappen, was es wert ist, ihre Reize an meinen vorderen Stirnlappen uebertragend, der - natuerlich angetan - sogleich die Empfindsamkeit eines Selbst-bildlichen Cyberspace gebar, jenes praeferierte Synapsenspiel intersubjektiver Maschinerien. Und gleichzeitig regten sich einige Ichs freudvoll lauschend, waehrend im Einklang die Boten feinstofflich tanzten, hier, jetzt, im frei-von-Raum-und-Zeit oder auch in der lodernden Hoehle, aus Stein gebaut, weswegen ebenso wie die gerade erkannten Stolperschnallen offensichtlich unvergaenglich eisern, nicht gezeitigt wie das umliegende Leder.

Al(l)so ich mich schnallte, meine Spuren setzend auf der sandkornbeseelten Ebene, die sich streckte unter meinem hochbeinig behoeckerten Informationstraeger, welchen hellsichtig ich Cam spitznamte - gleich also wie Ebenbuertige ihr fotographisches Gedaechtnis betiteln, festhaltend den tuerkisen Haarersatz inmitten wuester Weite und ferner Blaeue, waehrend Beduinen aus Seifen Regenbogen blasen bis aus dem naechtlichen Schwarz das spurenmythische Spiegelbild des Orion und Seinesgleichen erleuchtet.

Zwischen den vorwaerts rueckenden Wasservorraeten, worin Tunfische - aus Dosen erweckt - loeblich zubeissen, wiege ich mich in stiller Verknuepfung, bewegt wie die synaptischen Aktionen vor der naechsten Mitose, mehr als bloss entidentifiziertes Nervenpaket, naemlich ich, ganz einfach sphaerisch entronnen aus Dogmaville, stoffwechselnd die Gruende in parallel universeller Verschnallung, einfach segelnd auf dem Feuermeer, Download aktiviert, komplettiert.

Womoeglich war es diese Singularitaet hinter dem wundersamen Ereignishorizont personaler Wahrnehmung, welche die ewigliche Transmission gleich einer Oase in mein Gemuet gepflanzt, erklimmend die Supraleiter, gipfelnd im schwarzloechrigen Vakuum der interstellaren Big- Mama-Datenbank, dieser uebersprudelnden Quelle, welche die nachfolgenden Bildungen demnach wohl ins Licht der Welt getraeufelt hat.

Re-irdisch und doch daheim bleibt mir in diesem Sinne ein Will-kommen zum kosmischen Schauspiel zu fluestern, bestenfalls wohl empfangen in der Intensitaet eines Dabeigewesen-Seins. Auf dass die Druesen herzlich zirbeln, all die Zellen Wellen wirbeln, fuerwahr die Galaxien wallen, summend die beschnallte Spur.

 

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BIG BUCKLING BOOK

Prim.Dr. Albert Lingg, 2004

Wie ich zur Ehre komme hier ueber das Big Buckling Book zu sprechen ­ nun ich hatte Gelegenheit den kuenstlerischen Werdegang Barbara Husars dann und wann zu verfolgen,war zwar nicht dabei, als sie in einer Wueste auf die ominoese Schnalle stiess, deren wahrer Bedeutung sie die folgende Zeit mit Beharrlichkeit nachgehen sollte, obwohl also nur aus der Entfernung Zeuge,wurde ich gleichwohl so etwas wie mit angeschnallt.
Doch fuehrte nicht all dies zur Anfrage ­sie brauchte vielmehr einen NERVENARZT fuer ein paar einfuehrende Worte,hatte sie doch nichts anderes als DIE NERVENZELLE zum neuen Gegenstand ihrer Betrachtungen gemacht...Sollte es aus sein mit der Schnallerei? dachte ich waehrend unseres Telefonats - einerseits enttaeuscht dass keine tiefenpsychologische Annaeherung an die Schnallerei gefragt war,im selben Denk jedoch auch gleich entlastet,haette ich an diesem so verwickelten Thema ja doch nur scheitern koennen....
Dann also die NERVENZELLE....
Wenn Sie sich hier umsehen oder DAS GROssE SCHNALLENBUCH durchblaettern werden sie dieser wunderbarsten aller Zellen in vielen Variationen begegnen,dies ganz anders als in Histologiebuechern gewohnt,naemlich zwar gut getroffen aber nicht fixiert und tot,sondern lebendig und in verschiedenartigsten Funktionen dargestellt ­ auch faellt gleich einmal angenehm auf, dass bei der Kuenstlerin diese Neuronen und die daran angeschnallten Menschlein mehr dem Dionysischen als Apollinischen zu Diensten stehen, also Lust und Rausch und Lebensfreude und Experiment einen gebuehrenden Platz bekommen..
Barbara Husar hat sich also nach den Wuestenexpeditionen auf eine nicht minder spannende Reise in den Mikrokosmos gemacht ­ keine geringe Herausforderung; muehten sich doch schon Legionen von Forschern dem Gehirn seine Raetsel zu entreissen und bleiben trotz grossartiger Erkenntnisgewinne bis heute viele Fragen offen... retteten sich die Suchenden bis heute immer wieder in Hirnmythologien oder einseitige Sichtweisen ­ wie etwa.
das Hirn sei nur eine Druese, die andere Druesen dirigiert -.
das Hirn sei nur ein Reflexapparat, der uns wie PAWLOWS Hunde reagieren lernt -.
das Hirn sei im wesentlichen eine Transmitterschaukel, deren zu heftige Ausschlaege ganz einfach medikamentoes zu korrigieren waeren -.
oder dieses Gehirn exekutiere lediglich ein genetisch praeformiertes Schicksal....
erst spaet entdeckte man es als ein Organ mit regem Austausch mit seiner Um-und Mitwelt..,.
wobei fuer die einen der daran angeschnallte Mensch hauptsaechlich ein Getriebener ist - fuer die andern mehr Moderator oder Programmierer seines zentralnervoesen Organs... vieles bleibt der Forschung also bis heute verborgen ­stellt sich die Frage,wie weit wir in unserem Bemuehen ueberhaupt kommen koennen? Wie viel weiter wir etwa sind als WILHELM GRIESINGER, der in seinem psychiatrischen Lehrbuch 1861schrieb: Wirkliche Auskunft ueber das Geschehen in der Seele vermag weder der Materialismus zu geben, der die Seelenvorgaenge aus der koerperlichen, noch der Spiritualismus, der den Leib aus der Seele erklaeren will. Wuessten wir auch Alles, was im Gehirn bei seiner Thaetigkeit vorgeht, koennten wir alle chemischen, electrischen ect. Processe bis in ihr letztes Detail durchschauen ­ was nuetzte es? Alle Schwingungen und Vibrationen, alles Electrische und Mechanische ist doch immer noch kein Seelenzustand, kein Vorstellen. Wie es zu diesem werden kann - dies Raetsel wird wohl ungeloest bleiben bis ans Ende der Zeiten und ich glaube, wenn heute ein Engel vom Himmel kaeme und uns Alles erklaerte, unser Verstand waere gar nicht faehig, es nur zu begreifen...

Immer, geschaetzte Zuhoererinnen, immer wenn Natur- wie Geisteswissenschaften Muehe haben, gibt es einen Trumpf, einen Trost: DIE KUNST...
Barbara Husar hat - ohne sich mit all den gerade skizzierten Ergebnissen und Spekulationen zu beschweren - in ihrem BIG BUCKLING BOOK intuitiv geschnallt um was es geht und in ihren Zeichnungen diesem nervoesen Apparat nicht nur viele Facetten abgewonnen... ihn vor allem aber auf seinen Platz verwiesen, heisst: dem Spiel dieser Milliarden und dazu noch tausendfach verschalteten Neuronen jene Freiheit gelassen
die nicht das Hirn sondern der Mensch
meine ich
immer noch hat...

Palais Liechtenstein,Feldkirch okt.04

 

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